Hamburg - Der Krimi-Boom setzt sich 2015 ungebrochen fort. 20 bis 30 Prozent der Belletristik-Titel kommen nach Angaben deutscher Verlage aus dem Spannungssegment. Doch scheint es seit den letzten ein, zwei Jahren einen Trend zum weniger blutrünstigen Plot zu geben.

Psychologisch Hintergründiges ist gefragt. Und da ist die Messlatte ziemlich hoch - gelegt schon vor Jahrzehnten von einer Pionierin des Genres, Patricia Highsmith (1921-1995).

Ihr Todestag jährte sich am 4. Februar zum 20. Mal. Diogenes ehrt die Grande Dame des Psycho-Thrills mit der Herausgabe von Joan Schenkars Biographie "Die talentierte Miss Highsmith" - eine Anspielung auf deren erfolgreichen und mehrfach verfilmten Roman "Der talentierte Mr. Ripley", der (wie auch andere Highsmith-Bücher) nach wie vor auf der Backlist des Zürcher Verlags steht. Das Gleiche gilt für ihre Verlags- und Genre-Kollegin Margaret Millar (1915-1994), deren Thriller teilweise in diesem Jahr zu ihrem 100. Geburtstag (5. Februar) neu aufgelegt werden.

Um bei Diogenes zu bleiben: Der deutschsprachige Hausverlag der Amerikanerin Donna Leon kommt im Juni mit einem neuen Brunetti-Krimi heraus. "Tod zwischen den Zeilen" wird der 23. Fall des Commissario sein. Und diesmal beschäftigt sich der kunstsinnige Polizist mit Mord und Raub rund um wertvolle Folianten und einen florierenden Bücher-Schwarzmarkt. Aus dem selben Haus, der wie andere Verlage auch gern auf erfolgreiche Krimi-Serien setzt, ist im ersten Halbjahr Martin Walkers "Provokateure" (der sechste Fall für den Chef de police Bruno) zu erwarten. In einer Neuauflage kommt zudem der wunderbare Spionage-Thriller "Die rote Agenda. Der Spion und der Pate" der Italienerin Liaty Pisani heraus.

Blessing hat zu Jahresbeginn mit Kathy Reichs "Knochen lügen nie" eine neue Vorlage für die TV-Serie "Bones - Die Knochenjägerin" geliefert. Der Verlag Goldmann wird im Mai mit Luana Lewis\' "Lügenmädchen" einen neuen Psycho-Thriller auflegen. Blanvalet setzt gleichermaßen auf Bewährtes und Neues: Der Brite Lee Child, den "Die Zeit" als "begnadeten Spannungsautor" bezeichnet, kommt im Juni mit einem neuen Jack-Reacher-Roman heraus, Titel: "Der Anhalter".

Nach "Provenzalische Verwicklungen" im vergangenen Jahr verrät die deutsche Autorin Sophie Bonnet im Juni "Provenzalische Geheimnisse". Ihr Krimi-Debüt gibt die britische Einsteigerin Jane Shemilt im März mit "Am Anfang war die Schuld", von dem ihre längst erfolgreiche Kollegin Tess Gerritsen sagt: "Ich konnte dieses Buch nicht aus der Hand legen." Gerritsen selbst wird im Mai bei Limes einen neuen Rizzoli-&-Isles-Krimi vorlegen. "Der Schneeleopard" gibt dem aus dem Fernsehen bekannten Duo aus Polizistin und Gerichtsmedizinerin Rätsel auf, die von Boston nach Afrika zu reichen scheinen.

Nach Argentinien führt ein Thriller des Franzosen Caryl Férey. "Jähzorn" heißt das neue Werk des Autors, dessen Bestseller "Zulu" etliche Preise bekam und im vergangenen Jahr auch mit Orlando Bloom und Forest Withaker verfilmt wurde. Theresa Prammer schockt ab März Krimi-Fans mit "Wiener Totenlieder(n)". Im Buch der österreichischen Autorin, das im Marion von Schröder Verlag (bei Ullstein) erscheint, wird am weltberühmten Wiener Opernhaus eine Sopranistin vergiftet, eine Soubrette erschlagen und ein Tenor ermordet. Die Polizei sieht bei ihren Ermittlungen gar nicht gut aus und muss auf die Hilfe zweier Außenseiter setzen.

Ein riesiges Krimi-Programm bietet der "Spezialist für Spannungsromane", der Gmeiner Verlag aus Baden-Württemberg. Hier können sich Fans in den Unterkategorien des Genres reichlich nach ihrem Geschmack bedienen. Das mörderische Angebot reicht von zeitgenössischen über historische bis hin zu Rätsel-Krimis. Nicht zu vergessen die regionalen Fälle, von denen sich besonders Urlauber gern fesseln lassen. Als "rustikal-genial" preist der Verlag Michael Boenkes "Kässpätzle-Exitus" an, und Sandra Dünschede rüttelt die Leser mit ihrem "Friesenschrei" auf.

Dem erfolgreichen Rezept der Heimat-Krimis folgt auch der Kölner Emons Verlag, der seinem "Dirndl Porno" vom vergangenen Jahr noch eins drauf setzt.Der Autor Andreas Karosser lädt mit "Dirndl Swinger" zu einer neuen turbulenten Runde ins bayerische Bad Feilnbach ein. Emons gibt sich zudem europäisch und bietet Krimis aus Italien, Österreich, Frankreich und anderen Ländern an. Und es gibt eine beachtenswerte Neuauflage: Frank Schätzings Thriller "Die dunkle Seite".

Wie viel Klasse unter der Masse sein wird, ist schwer vorherzusagen. Man kann aber davon ausgehen, dass neben "Stangenware" auch immer wieder etwas Brillantes hervorgebracht wird. Und wer weiß schon, was der Markt in diesem Jahr noch an Überraschungen bereithält.