Stuttgart/Hannover - "Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich." Was seit 150 Jahren für Wilhelm Buschs Lausbuben "Max und Moritz" gilt, machten sich später auch ihre Quasi-Schwestern "Maus und Molli" zu eigen.

Doch während die Streiche der Jungs richtig berühmt wurden - sogar weltweit, geriet die "Mädelgeschichte in sieben Streichen" in Vergessenheit. Ein Stuttgarter Verlag hat "Maus und Molli" nach Jahrzehnten wiederentdeckt und in den Buchhandel zurückgebracht.

"Maus und Molli" erschien erstmals 1925, satte 60 Jahre nach "Max und Moritz" (1865), aber im selben Münchner Verlag. Wilhelm Busch (1832-1908) war da schon lange tot. Erlebt hatte er noch "Lies und Lene" von 1896. Sehr früh seien solche Parodien auf "Max und Moritz" erschienen, berichtet Monika Herlt von der Wilhelm-Busch-Gesellschaft in Hannover. Unzählige gebe es, die in Zeitschriften und Büchern abgedruckt wurden. Das reiche bis zu agitatorischen Parodien wie "Marx und Maoritz" aus der 68er-Zeit.

Die erste Ausgabe von "Maus und Molli" war laut Thienemann-Esslinger-Verlag bis in die 1950er Jahre hinein lieferbar. Aufmerksam auf die "Mädelgeschichte" wurde man dort durch eine Verlagsanzeige in einer frühen "Max und Moritz"-Ausgabe. Eine weitere Ausgabe mit einem Cover, das dem von "Max und Moritz" dann sehr ähnelte, erschien nach Schätzungen um 1950 herum. Davon habe man nur noch ein Buch gefunden, berichtet Sibylle Schumann, die bei Thienemann-Esslinger den Reprint-Bereich betreut. Dieses Cover ziert nun auch die Neuausgabe, die in diesen Tagen in den Handel kommt.

Während Wilhelm Busch laut Herlt stets zunächst zeichnete und dann selbst reimte, teilten sich bei "Maus und Molli" der österreichische Karikaturist Carl Stroch und ein Wilhelm Herbert die Arbeit. Laut Thienemann-Esslinger war Wilhelm Herbert das Pseudonym von Wilhelm Mayer (1863-1925), einem nach Angaben des Zentralen Verzeichnisses Antiquarischer Bücher (ZVAB) dichtenden Landgerichtspräsidenten aus München. "Doch die Streiche sind nicht sonderlich einfallsreich, auch nicht typisch mädchenhaft", heißt es da. Und zur zeichnerischen Qualität sagt Herlt nur so viel: ""Max und Moritz" ist schon ganz hohe Zeichenkunst."

Während Buschs Buben in ihren sieben Streichen Witwe Boltes Hühner quälen und stehlen, Böck in den Fluss stürzen lassen ("Ritzeratze! Voller Tücke, in die Brücke eine Lücke.") und Lehrer Lämpels Pfeife explodieren lassen, sind Maus und Mollis Übeltaten keinen Deut weniger derb. Auch Schumann mag keine besonders weibliche Raffinesse entdecken. Im vierten Streich tauschen sie bei Nachbar Lorch die Zwillinge gegen ihre Puppen aus. "Molli nahm den Buben raus - und das Mädel fischte Maus." Das sei dann aber auch schon alles, so Schumann.

Maus und Molli stecken Nadeln in den Geburtstagskuchen, sie bringen ein Rindvieh zum Explodieren und lassen ein Eichhörnchen die Wohnung ihrer Tante verwüsten. Einem Entenweibchen stülpen sie einen Handschuh über den Kopf und lassen es durch das Klassenzimmer fliegen und alle Schüler mit Tinte besudeln.

Laut Herlt lässt sich gar nicht mehr feststellen, wie oft "Max und Moritz" von diversen Verlagen verkauft wurde. Nachweislich sei das Buch aber in rund 300 Sprachen und Dialekte übersetzt. Bei Thienemann-Esslinger steht der Klassiker mit 5000 verkauften Exemplaren pro Jahr auf einer Stufe mit dem "Struwwelpeter".

Ein Happy End hat "Maus und Molli" übrigens ebenfalls nicht: Enden Max und Moritz bekanntlich als Entenfutter, werden Maus und Molli von Haifischen verschluckt. "Gott sei Dank! Nun ist\'s vorbei - mit der Übeltäterei", heißt der letzte Satz im Bubenbuch. Und auch um Maus und Molli weint am Ende niemand. Hier lautet der letzte Satz: "Denn nach einem Bösewicht - sehnt die ganze Welt sich nicht."