Nairobi - "Ich weiß ein Lied von Afrika...", schwärmte Karen Blixen, als sie 1931 schweren Herzens nach 17 Jahren von ihrem geliebten Kenia Abschied nahm.

"Werden sich die Kinder ein Spiel ausdenken, in dem mein Name vorkommt, oder wird der volle Mond einen Schatten auf den Kies in der Einfahrt werfen, der mir gleicht?", fragte sie. Die dänische Schriftstellerin plagten die gleichen Gedanken, die viele Auswanderer kennen: Konnte sie in ihrer Wahlheimat eine Spur hinterlassen, hatte sie echte Freunde gefunden, die ihr Andenken aufrechterhalten würden?

Im Falle von Blixen ist die Antwort eindeutig. In Nairobi wurde schon vor langer Zeit ein ganzer Stadtteil nach der Baronin benannt.

Das Viertel "Karen" im Südwesten der Metropole beherbergt auch das ehemalige Wohnhaus der Autorin, die am 17. April 1885 - vor 130 Jahren - unter dem Namen Karen Christentze Dinesen im dänischen Rungstedlund geboren wurde. Die Villa war das Herzstück der 6000 Hektar großen Kaffeefarm "am Fuße der Ngong-Berge", die sie von 1917 bis 1931 bewirtschaftete und auf der sie eine legendäre Liebesaffäre mit dem britischen Abenteurer Denys Finch Hatton unterhielt.

Heute ist das "M\'Bogani-Haus" ein vor allem bei Touristen und Filmfans beliebtes Museum. Unter anderem sind auch Requisiten aus dem Oscar-prämierten Hollywoodklassiker "Jenseits von Afrika" ausgestellt, der auf den Memoiren der Schriftstellerin beruht. Seit hundert Jahren scheint sich hier nichts verändert zu haben, selbst der Kies in der Einfahrt ist noch da, ganz wie zu Blixens Zeiten. Aber wer das Anwesen verlässt und sich auf weitere Spurensuche im Stadtteil Karen begibt, findet ansonsten kaum noch Geschichtsträchtiges.

Durch die Hauptstraßen des Viertels bahnen sich Graffiti-besprühte Busse und dröhnende Motorräder ihren Weg. Karen ist für seine Verkehrsstaus berüchtigt. Restaurantketten und Mega-Supermärkte haben Zweigstellen eröffnet. Und der Blick auf die malerischen "Ngong Hills" am Horizont wird schon lange durch Häuser, Bäume und Windkraftanlagen verwehrt. Als besondere Touristenattraktionen gelten ein Giraffen-Zentrum und ein Elefantenwaisenhaus, die in keinem Reiseführer fehlen.

"Der Stadtteil befindet sich in einem großen Wandel", sagt der Geschäftsmann Satyan Patel. "Die Bevölkerungszahl wächst ständig und es wird massiv gebaut, sowohl was Privathäuser als auch was Büros und Geschäfte betrifft." Die Grundstückspreise in Karen zählen zu den höchsten im ganzen Land, die Bevölkerung ist wohlhabend.

Viele Menschen wissen nicht, warum das Gebiet diesen Namen trägt. "Die meisten denken, dass "Karen" einfach der Name dieses Ortes ist, und bringen das nicht mit einem Menschen in Verbindung", sagt Mwangi Arnel, der im historischen Hotel-Restaurant "Karen Blixen Coffee Garden and Cottages" als Kellner arbeitet. "Ich selbst weiß auch nicht genau, wer sie war." Dabei stand genau hier einst Blixens ursprüngliches Farmhaus.

"Karen Blixen ist ein Hotel", meint der arbeitslose Kelvin Musyoki, der seit zehn Jahren in dem Viertel lebt. Und er ist nicht der einzige, der noch nie etwas von der Dänin gehört hat.

Rebecca Mbesa, die Touristen durch das Karen-Blixen-Museum führt, hält das für eine Schande. Sie sei eine bewundernswerte Frau gewesen, erzählt sie Besuchern. "Sie war eine gute Frau, sie hat eine Schule gebaut und ihren Arbeitern 1000 Hektar Land gegeben", betont Mbesa. "Sie war keine Kolonialherrin, sie war nur eine Siedlerin, wie so viele andere Europäer."