Hamburg - Das "Private ist politisch". Das wissen auch Diktatoren. Obwohl die meisten von ihnen wie etwa Hitler, Stalin oder Mussolini alles andere als vorbildliche Familienmenschen waren, maßen sie der Familie doch überragende Bedeutung zu.

In seinem groß angelegten Buch "Die geführte Familie" untersucht der in Florenz lehrende britische Historiker Paul Ginsborg Familienleben und -politik verschiedener Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Neben Russland in der Lenin- und Stalinzeit analysiert Ginsborg die Türkei Kemal Atatürks, das faschistische Spanien und Italien sowie das Dritte Reich.

Er geht dabei methodisch vielseitig vor. So stellt er besonders typische Einzelpersonen oder Familien vor wie etwa die NS-Vorzeigefamilie Goebbels. Daneben rekonstruiert er das Leben normaler Familien und bindet diese in die allgemeine Familienpolitik und Rechtsgeschichte ein. Entstanden ist so ein sehr lesenswertes Buch, das zeigt, dass diktatorische Familienpolitik keinesfalls so eindimensional war, wie man vielleicht denkt.

- Paul Ginsborg: Die geführte Familie. Das Private in Revolution und Diktatur 1900-1950, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 772 Seiten, 38,00 Euro, ISBN 978-3-455-50329-6.