Das Kultmusical "Der kleine Horrorladen" erlebte Silvester im Großen Haus Quedlinburg des Nordharzer Städtebundtheaters seine gefeierte Premiere. Neun Minuten Applaus, Fußgetrappel und Bravorufe der 280 Zuschauer im ausverkauften Haus.

Quedlinburg. Es gehört zu den Traditionen, dass die Nordharzer Schauspieler zu Silvester in Quedlinburg eine Premiere präsentieren. Schwarzhumorig diesmal. Die Blumen von Mr. Mushnik (Arnold Hofheinz) verkaufen sich schlecht im abgewrackten Viertel Skid Row. New York von seiner trostlosesten Seite. Mushniks Gehilfe Seymour (Markus Manig) – einst von ihm als Waise aufgesammelt – hat zwei linke Hände. Seine Verkäuferin Audrey (Julia Siebenschuh) wird alle naselang von ihrem Freund, dem sadistischen Zahnarzt Dr. med. dent. Orin Scrivello (Benedikt Florian Schörnig), verprügelt. Schlechte Karten für den Blumenverkauf. Doch dann kommt Seymour mit einem absonderlichen kleinen Grüngewächs an – für einen Dollar und 95 Cent gekauft –, und gibt ihm den Namen Audrey II. Die Pflanze wird eine Sensation. Der Laden beginnt aufzublühen. Audrey II wächst ohne Unterlass und entwickelt nach und nach eine unstillbare, unheimliche Gier nach Menschenblut. Erstes Opfer wird der in Einzelteile zerhackte Zahnarzt. Dann springt Mr. Mushnik über die Klinge – er wackelt noch Abschied nehmend beim Verschwinden im Schlund von Audrey II mit den Beinen. Sag zum Abschied leise Servus! Zum Schluss müssen Audrey und Seymour selbst und ein Geschäftemacher (Jörg Vogel) daran glauben. Die von einem Chinesen stammende gefräßige und gierige Blume schickt sich an, die Weltherrschaft zu übernehmen – ganz wie im realen Wirtschaftsleben.

Herrlich hintergründig

Das Musical von Alan Menken (Musik) und Howard Ashmann (Buch und Liedtexte) wurde seit der Uraufführung 1982 zum Kult. Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung – alles ist drin. Ein herrlich hintergründiges Werk! Zehn Darsteller und eine kleine vierköpfige Band machten die Premiere zum Vergnügen.

Einziger Schwachpunkt ist die Ausstattung. Auf der Szene steht die ganze Zeit ausschließlich der Blumenladen. Ein karges Einheitsbühnenbild, das die Sozialisation von Skid Row wenig lokalisiert und den wundersamen Aufstieg seiner Bewohner bis zur Pause der gut zweistündigen Produktion mehr behauptet als zeigt. Danach geht‘s besser. Das ist wohl den Finanzzwängen des Theaters geschuldet, das schon die Produktion im Harzer Bergtheater mit minimalem Ausstattungsetat bewerkstelligte und nun zwölf Vorstellungen in die festen Häuser Halberstadt und Quedlinburg holt.

Der "Horrorladen" erfreut mit Fantasie und künstlerischer Machart sein Publikum. Das ist vor allem das Verdienst des Regisseurs und Choreografen Klaus Seiffert, der in Deutschland und Österreich als Theaterwissenschaftler, Schauspieler, Sänger und Tänzer brillierte (Dramaturgie: Sylvia Sarnow). Lediglich das klitzekleine sängerisch und tänzerisch gut aufgelegte Schauspielensemble und drei hinzuengagierte Musicaldarstellerinnen (Tamara Bauer, Anna Stijohann und Jenny Winkler) als wache Straßengören tragen den Erfolg auf ihren Schultern, mit ihren Stimmbändern und ihren flinken Füßen davon. Es gibt keinen Chor und kein Ballett. Solch Stimm- und Bewegungsvokabular findet man bei deutschen Schauspielern nicht allzu häufig – wohl auch dem musikantischen Kopf und Intendanten des Nordharzer Städtebundtheaters Johannes Rieger geschuldet, der bei den Engagements auf größtmögliche Variabilität seiner Akteure viel Wert legt. Alle Achtung!

Ausstatter Kaspar Haessig stellte den gefräßigen Super-Sonnentau, die fleischfressende Pflanze, in drei Größenordnungen in den Laden. Eine herrliche Parodie, wenn Audrey II mit Bassstimme (Mario Mariano live) ihr "Gib‘s mir" singt, von Bertram Beier mit dem Klappmaul animiert. Das bleibt aber fast die einzige, ständig wiederholte Aktion der Pflanze. Auf Dauer wird sie langweilig.

Häuschen im Grünen

Schön das masochistische Blondchen Audrey, das insgeheim von einem Häuschen im Grünen träumt. An der Autobahn."Nur ich, der Toaster und ein lieber Mann wie Seymour." Julia Siebenschuh bringt eine große Rockröhre für die Rolle mit und kann dennoch sentimental und zart wie ein Häkeldeckchen sein. Markus Manig als Seymour ist die zweite Entdeckung – regelrecht farblos als Blumenzüchter zu Beginn, der sich zunehmend aufbaut, Profil als Unternehmer und Medienstar bekommt und mit Gewissensbissen und Beherztheit zum Schluss gegen die Pflanze opponiert. In Duetten mit Audrey und Audrey II hält er locker mit. Andreas Hörnig, Christian Fischer und Michael Rossol unter Leitung von Violetta Kollar (alternierend mit Symeon Ioannidis) sind das exquisite Projekt-Orchesterchen im Graben, das eine vielfarbige Musik von Swing bis Rock ‘n‘ Roll hervorzaubert.

Sehr Empfehlenswert!