Berlin (dpa). Das Cover der neuen Platte präsentiert Bruce Springsteen genau so, wie ihn seine Fans sehen wollen: Sehnig und breitbeinig, Jeansjacke, die elektrische Gitarre im Anschlag - mit 64 noch fast ein jugendlicher Held.

Auch musikalisch wird der "Boss" seine riesige Anhängerschar mit "High Hopes" (Columbia/Sony) kaum enttäuschen. Die wohldosierte Mixtur aus unveröffentlichten Songs, frisch polierten Studiofassungen bewährter Live-Favoriten und sensibel interpretiertem Fremdmaterial geht runter wie Öl.

Selbst wenn auf Spring­steens etwa zwanzigstem Album seit den Anfängen vor 40 Jahren also nichts wirklich Sensationelles passiert, setzt der wohl meistgeliebte Rockstar der Welt seine Erfolgsserie fort.

"High Hopes" ist nach dem düsteren "Wrecking Ball" (Abrissbirne) von 2012 wieder ein Album mit Springsteen-typisch erhebendem Titel. Einige Lieder sind freilich wie der Vorgänger vom Frust über die US-Realität unter Barack Obamas ernüchternder Präsidentschaft geprägt. Mit "American Skin (41 Shots)" lässt Spring­steen einen Protestsong gegen blinde Polizeigewalt neu aufleben, den er bei einem Auftritt im vorigen Sommer dem von einem weißen US-Bürger erschossenen schwarzen Jugendlichen Trayvon Martin gewidmet hatte. Unterschwellige Wut und jede Menge frische Energie steuert vor allem Tom Morello mit seinen Gitarren-Salven bei. Der Frontmann der linken US-Alternative-Band Rage Against The Machine begleitet Springsteen seit einiger Zeit live und durfte nun auch im Studio an den sechs Saiten brillieren."Tom und seine Gitarre wurden meine Muse, sie hoben dieses ganze Projekt auf ein neues Level", lobt der Meister, dem die Duelle mit Morello und seinem alten Kumpel Nils Lofgren hörbar Spaß machten.

Neben dieser wiederentdeckten Gitarren-Wucht fällt auf "High Hopes" auf, wie rührend Springsteen das Andenken der in den vergangenen Jahren gestorbenen Mitglieder seiner legendären E Street Band bewahrt: Beiträge von Saxofonist Clarence Clemons und Keyboarder Danny Federici tauchen in älteren Aufnahmen wie der zarten Ballade "Down In The Hole" oder dem von einem herrlichen Kornett-Solo gekrönten "The Wall" auf.

Außerdem überraschen mehrere Cover-Versionen von persönlichen Lieblingsliedern Springsteens, etwa "Just Like Fire Would" von den australischen Punk-Rockern The Saints oder "Dream Baby Dream" vom US-Avantgarde-Duo Suicide.

Über all diesen rauen, sentimentalen, gelegentlich auch recht hemdsärmeligen Liedern thront wie immer der von unzähligen Konzerten gegerbte, unverwüstliche Gesang von Bruce Springsteen.

Nicht nur wer kürzlich gerührt die schwärmerische Fan-Dokumentation "Springsteen & I" gesehen hat, wird sich bei dieser tröstlichen, kraftvollen Stimme gut aufgehoben fühlen. Nach wie vor formuliert dieser uramerikanische Rocker wie niemand sonst Gefühle, Hoffnungen, Sorgen und Ängste von Millionen Menschen, ohne sich anzubiedern oder sein Publikum zu langweilen. Man darf die große Hoffnung ("High Hopes") haben, dass dies noch eine ganze Weile so weitergeht.