Gut zwei Jahre nach seiner Verurteilung hat der Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi mit seiner Frau Helene seine Autobiografie veröffentlicht: ein literarisches Roadmovie. Von Schuldbewusstsein ist darin wenig zu spüren.

Düsseldorf (dpa) l Endlich packt er aus. Der verurteilte Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi, der dem gierigen Kunstmarkt massenweise Fakes berühmter Künstler der Vorkriegsavantgarde unterjubelte und Millionen kassierte, hat seine Autobiografie geschrieben.

Nachdem der Prozess gegen Beltracchi und seine Frau Helene 2011 nach wenigen Verhandlungstagen mit einem "Deal" endete, war es nur eine Frage der Zeit, wann die Bekenntnisse des Althippies auf den Markt kommen. Der Prozess hatte die brennendsten Fragen offengelassen.

Nun öffnet Beltracchi in dem Buch "Selbstporträt" sein Schatzkästchen, bringt Ordnung in die Masse von Fälscherwerken, mit denen er den Markt überschwemmte, fügt das ein oder andere bisher polizeilich wohl nicht bekannte Werk hinzu und gibt Einblick in seine über Jahrzehnte ausgefeilte Fälschertechnik.

Picasso-Kopie

Abgesehen davon, dass von Reue oder Schuldbewusstsein in dem Buch selten etwas zu spüren ist, hat Beltracchi ein literarisches Roadmovie vorgelegt, das sich spannend von der ersten bis zur letzten Seite liest.

Schon in seiner von Armut geprägten Kindheit in Höxter und Geilenkirchen bei Aachen erprobt Wolfgang Fischer - so hieß er vor seiner Heirat - sein Talent. "Ich fühlte die Malerei." Den Vater, einen Kirchenmaler, schockierte der Sohn mit der Kopie eines Picassos.

Ende der 1960er Jahre dann eine typische Hippiekarriere: Der Schulabbrecher verdient sein Geld als Straßenmaler in Barcelona, dröhnt sich jahrelang zu mit Haschisch und LSD, tingelt mit diversen Freundinnen durch die Szene und fährt im Strich-Achter-Mercedes bis nach Marokko. Auch ein Treffen mit Joseph Beuys beschreibt Beltracchi: "Ich sah aus wie ein Hippie, er wie ein Texas-Ranger." Sterbenslangweilig seien die Monologe von Beuys gewesen. Beltracchi wird auch Beuys fälschen und stiehlt für einige Zeit aus einem Museum dessen berühmten Hauptstromstempel, um die Bilder zu signieren.

Schon in den 1970ern malt Beltracchi Bilder des 19. Jahrhunderts zu Winterlandschaften um und "garniert" sie mit Schlittschuhläufern. Es folgen Art-Déco-Fakes und anatomische Zeichnungen des 15. und 16. Jahrhunderts - was der Markt will, liefert Beltracchi.

Bis Ende 1985 entstehen "mein erster" Campendonk, Max Ernst, August Macke (den mag er nicht), Carlo Mense, Heinrich Nauen. In seinen produktiven Phasen malt Beltracchi wie besessen. "... neue Werke zu schaffen, von denen Kenner manchmal sogar meinten, sie gehörten zu den schönsten und besten des jeweiligen Meisters, das war mein Beitrag zur Kunst."

Das wird Beltracchis Masche: Gezielt sucht er in Werkverzeichnissen nach verschollenen Bildern, von denen keine Abbildungen mehr existieren. Er fühlt sich tief in den jeweiligen Künstler ein, besucht Originalschauplätze und untersucht in Museen akribisch die Maltechniken. "Ich sah jeden einzelnen Pinselstrich, ja die einzelnen vermischten Pigmente des Farbauftrags, ich bildete mir ein, das verdunstete Leinöl riechen zu können ...". Den Mehlkleister für die falschen Galerie-Etiketten auf der Rückseite der Bilder stellt er aus Biomehl her, um keine Spur zu modernen Pestiziden zu hinterlassen.

Die Nachfrage steigt, die Preise auch. Dufy, Friesz, de Vlaminck, Derain, Metzinger, Gleizes und Picabia - Beltracchi erweitert das Werk Dutzender Künstler um Eigenkompositionen. "Nach einer exzessiven Produktionswoche war der Trockenofen diesmal randvoll mit Gemälden gewesen, die sich wie Kuchenbleche über-einander stapelten."

Familienausflug mit Bild

Beltracchi wird reich und führt nach außen ein bürgerliches Künstlerleben. Mit seiner Frau Helene und Kindern lässt er sich auf einem großzügigen Anwesen in Südfrankreich nieder.

Helene, die ebenfalls in dem Buch zu Wort kommt, steigt 1992 ins Geschäft ein und bietet die frische Ware den Auktionshäusern an. Aus den Bilder-übergaben werden bisweilen Familienausflüge.

Als Kriminelle stellen sich die Beltracchis natürlich nicht dar. Sie beschwören die heile Familie und ihre Liebe - untermauert durch einen mehr als 8000 Seiten langen Briefwechsel, der während der Untersuchungshaft entstand. Auszüge daraus wurden sogleich in ein zweites Buch gepackt, ein moralischer Appell dazu: Der Leser soll sich ein Bild davon machen können, wie hart die Haftbedingungen in Deutschland sind.

Filmreif stellen die Beltracchis ihre Festnahme im August 2010 in Freiburg vor den Augen ihrer damals 16 und 22 Jahre alten Kinder dar. Ein bewaffnetes Spezialeinsatzkommando holt die Familie aus dem Auto heraus, mit dem sie gerade die Luxusvilla in Freiburg verlassen hat.

Die ganze Szene kommt ihnen überzogen wie im "Tatort" vor. Vielleicht sollte man aber auch - nachdem man erfahren hat, wie unverfroren Beltracchi Kunst fälschte - nicht jedes Wort in seinem Selbstporträt für bare Münze nehmen.

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