Premiere des Roadmovies "Tschick" von Wolfgang Herrndorf am Donnerstag im Nordharzer Städtebundtheater. Ein großer Erfolg. Aber die Selbsttötung des 48 Jahre alten Autors im August 2013 überschattet das alles. Sein Hirntumor war unheilbar. Doch Trauer überwog nicht. Stück, Inszenierung und Darsteller setzten Glanzpunkte.

Quedlinburg l Als Buch wurde der Roman "Tschick" ein Riesenerfolg für Herrndorf. 2010 stand es ein Jahr auf der deutschen Bestsellerliste. 2011 formte Robert Koall, Chefdramaturg am Staatsschauspiel Dresden, daraus ein Theaterstück, das landauf, landab gespielt wird, unter anderem am Deutschen Theater Berlin, in Flensburg, Magdeburg, Halle und München. Die Geschichte vom Erwachsenwerden von Tschick und Maik trifft den Nerv nicht nur der Gleichaltrigen. Auch die Elterngeneration erkennt sich in Idealen und Träumen wieder.

Dabei stand die Produktion unter keinem guten Stern. Drei Wochen vor der Premiere stieg der vorgesehene Schauspieler aus; ein ärztliches Attest verbot ihm die Fortsetzung seines Engagements. In nur gut zwei Wochen entstand die neue Version des Stücks mit dem jungen Berliner Darsteller Rosario Bona (Maik), mit dem ehemals am Städtebundtheater engagierten Jörg Vogel (Tschick) und Barbara Fressner in zahlreichen Episodenrollen. Der Premierentermin musste unter allen Umständen gehalten werden - zwölf der 16 Vorstellungen in Quedlinburg und Halberstadt sind bis Ende April bereits ausverkauft!

Regie führte Aurelina Büchner, die hier bereits vor zwei Jahren das "Dschungelbuch" fantasievoll in Szene setzte. Wiebke Horn schuf Ausstattung und Kostüme. Eine Halfpipe, die Leiter zum Swimmingpool und eine Schattenwand reichen aus, um den unterprivilegierten Russlanddeutschen Andrej Tschichatschow aus Rostow am Don und den emotional vernachlässigten Maik Klingenberg zu sozialisieren. Beide sind 14 Jahre alt. Der verarmte Immobilienhändler-Vater hat sich eine attraktive junge Gespielin zugelegt; die Mutter trinkt sich regelmäßig ins Koma.

Es sind Sommerferien, als Tschick mit einem gestohlenen Lada auftaucht. Beide Jungen brechen zu einer Fahrt in die Walachei auf, wo angeblich Tschicks Großvater lebt. Quer durch Deutschland. Jenseits aller Konventionen. Mit allen Konventionen der Eltern - im Auto dröhnt eine Soft-Kassette mit Richard Clayderman. Die Alpen liegen gleich hinter Berlin.

In diesem fremden Land treffen sie auf skurrile Typen. Die Punkerin Isa auf einer Müllkippe. Den Kommunisten Fricke aus der Widerstandsgruppe "Ernst Röhm" auf Russland-Feldzug in der Braunkohle-Kraterlandschaft. Friedemann und seine Müsli-Mutter im geordneten Wohlstandsmief. Zunehmend rutschen die Stationen ins Surrealistische. Barbara Fressner spielt ihre Personen mit knappsten Umrissen ganz hervorragend (Dramaturgie: Johanna Jäger).

Tschick offenbart sich, er sei schwul. Maik ist es nicht. Auch gut! Die Welt und ihre Menschen seien schlecht? Nein! Höchstens zu einem Prozent, wissen beide Burschen am Ende ihrer Reise. Es ist eine Odyssee, aus der sie reifer, klüger und menschlicher hervorgehen. Das zu erleben ist beglückend!

Bona und Vogel sind ein ideales Schauspielerteam. Sensibel-träumerisch der eine, geerdet der andere. Sie spielen mit Wörtern und mit neu entstandenen Situationen, wie sie vordem nicht von der Regie vorgegeben waren. Schauspiel-Kollege Arnold Hofheinz übernahm kurzfristig die Soufflage.

Der Berliner Videokünstler Matthias Daenschel steuerte - unterstützt von Lorraine Töpfer - die schnellen Animationen bei. Eine lapidar-kommentierende Bilderflut wie Cartoons. Eine fantastisch schöne Ensembleleistung!