Volksstimme: Friedrich Hollaender gehört zu den Dichtern und Musikern, die die "Goldenen Zwanziger Jahre" berühmt gemacht haben. Warum sind so viele Künstler und auch Sie von dieser Zeit fasziniert?
Dagmar Manzel: Berlin war in den 20er Jahren die Stadt, wo sich alles traf und Arbeitsmöglichkeiten fand. Die Vielfalt an Kabaretts, an Theatern, Operettenbühnen, Shows bis hin zu großen Opern und Balletten hat es so nie wieder in einer Stadt gegeben. Hollaenders Vater Victor dirigierte an der heutigen Komischen Oper die großen Shows von Fritzi Massary, und Friedrich Hollaender wuchs da mit hinein.

Volksstimme: Was macht ihn so interessant, dass sie ihm einen ganzen Abend widmen?
Manzel: Sein musikalischer Reichtum ist einfach unerschöpflich. Er hat Shows, Kabarettprogramme und unendlich viele Lieder komponiert. Manche erinnern stilistisch an Schubert-Lieder, manche an Debussy, wieder anders sind die großen Filmsongs wie die für Marlene Dietrich.

Volksstimme: Friedrich Hollaender hat auch seine Texte selbst geschrieben.
Manzel: Er hatte eine unglaubliche Gabe, Geschichten der Straße, auch politische, zu erzählen und sie einem Menschen in den Mund zu legen. Für einen singenden Schauspieler ist es eine Freude, in diese Rollen zu schlüpfen. Das kann ein kleines armes Mädchen aus dem vierten Hinterhof sein oder eine Femme fatale oder eine Salonlöwin. Es geht immer um Sehnsucht, um Frauen, die sich in eine andere Welt träumen. Seine Texte sind zeitlos.

Volksstimme: 1933 musste Hollaender vor den Nazis zuerst nach Paris, dann nach Hollywood emigrieren. Er kehrte 1955 zurück und starb 1976 in München. Vor alledem schuf er viele Lieder über Berlin, in deren Texten auch kräftig berlinert wird. Ist so etwas ein "Heimspiel" für Sie?
Manzel: Ich bin ja eine "Berliner Pflanze", und gerade die frühen Lieder waren für mich eine große Entdeckung und ein bisschen Heimat auch. Ich habe gespürt, wie sehr er mit Berlin verbunden war, in dem direkten Ton und in dem Berliner Dialekt, der ja mit dem jüdischen Humor so verwoben ist. Er hat sich selbst einen "lachenden Melancholiker" genannt, und das durchdringt alle Texte. Es war aber nicht mein Ansinnen, einen Berliner Abend zu machen. Hollaender ist viel mehr.

Volksstimme: Sie gehörten fast 20 Jahre zum Ensemble des Deutschen Theaters und traten ausgerechnet dort zum ersten Mal mit einer Gesangspartie auf, in Offenbachs "Erzherzogin von Gerolstein". Es folgten diverse Rollen an der Komischen Oper in Berlin. Viele Sänger finden den Wechsel vom Sprechen zum Singen sehr anstrengend, wie schaffen Sie das immer wieder?
Manzel: Sänger gehen immer mit ihrer Gesangsstimme um, auch wenn sie Dialoge in der Oper sprechen. Ich habe, dreimal auf Holz geklopft, gute Stimmbänder, die im Schauspiel, wo man brüllt und schreit und alle Emotionen durch die Stimme ausdrückt, auch nötig sind. Seit über 15 Jahren nehme ich klassischen Gesangsunterricht und kann trotz tiefer Sprechstimme auch ziemlich hoch singen und schnell zwischen Gesang und Sprache wechseln. Das ist ein Geschenk.

Volksstimme: Warum singen Sie ihr Hollaender-Programm außer an der Berliner Komischen Oper gerade in Stendal?
Manzel: Ich mache immer mal Ausflüge in Richtung Sachsen-Anhalt, Magdeburg, Stendal. Hansestadt, Backsteingotik, das interessiert mich. Zu DDR-Zeiten hatte ich auch befreundete Kollegen am Stendaler Theater. Ist schon eine Weile her.

Bei der Deutschen Grammophon ist die CD "MENSCHENsKIND" erschienen.