Twitter Deine Melodie für die Anhaltische Philharmonie! Dieser Ruf ging vom Kurt Weill Fest in die Welt. Was daraus wurde, war am Montag in zwei Konzerten auf der Dessauer Bauhausbühne zu erleben.

Dessau-Roßlau l Es ist eine Mischung aus Workshop, Probe und Konzert, die am Montag auf der Dessauer Bauhaus-Bühne herrscht. Hierhin haben das Kurt Weill Fest und die Anhaltische Philharmonie Dessau mit Generalmusikdirektor Antony Hermus zur "Tweetfonie" eingeladen. Zwei dreistündige Konzerte für dieses besondere Projekt der diesjährigen Artists-in-Residence beim Festival.

Auf einer speziell eingerichteten Webseite konnte am Tag zuvor jeder, der wollte, eine kleine Melodie komponieren und per Twitter versenden. Mehr als 150 Melodien gingen aus der ganzen Welt ein. Antony Hermus traf eine Auswahl und verschickte sie an 50 internationale, hoch angesehene Komponisten.

"Die Zuschauer werden Zeugen eines Schaffensprozesses", hatte Antony Hermus im Vorfeld neugierig gemacht.

Während des Konzertes kommen die Kompositionen, arrangiert für großes Orchester, auf den Computern des neben der Bühne sitzenden Helferteams an, werden ausgedruckt und den Musikern unmittelbar auf die Pulte gelegt.

Ganz ungeprobt erklingen die maximal einminütigen Stücke so zum ersten Mal. Immer wieder kommt danach ein "Yes" vom Dirigenten. Große Freude darüber, was da entstanden ist.

Antony Hermus spielt zuvor die Tweets auf dem E-Piano oder vom Computer vor, nennt die Titel, wenn es sie gibt, er zählt zu den internationalen Arrangeuren. Aber da wird auch schon mal nach einem Tweet gesucht, fehlt hier eine Orchesterstimme, gibt es dort einen Austausch zwischendurch mit den Musikern, Hinweise zum Spiel.

Alle Stücke erklingen zweimal. Nicht zuletzt, da die Minikonzerte als Videoclips ins Netz gestellt und an die Twitter-Urheber zurückgesendet werden.

Insgesamt 53 ganz unterschiedliche Stücke erklingen in den beiden Konzerten. Da hat der kanadische Komponist Gyula Csapó ein sphärisches Stück auf den Tweet von Antonio Artunedo, den Bruder des Hornspielers der Philharmonie, geschrieben.

Getragen kommt das Arrangement des Kataloniers Ferran Cruixent auf einen Tweet seines Vaters daher.

Julia Nickel, Geschäftsführerin des Kurt Weill Festes, "gefällt sehr", was der Holländer Ruud van Eeten aus ihrem Tweet "Für Kurt" gemacht hat.

"Wie eine Bratsche", "Damals", das russisch klingende "Doroga", "Gezwitscher à la Bauhaus", Arrangements des New Yorkers Gene Pritsker oder der Amsterdamer Kompositionsklasse... - Stück für Stück wächst die "Tweetfonie".

Auch mit Nicola Glücks Tweet "Schmerzvolle Entwicklung" in der "sehr sanften" Orchesterfassung von Bernd Schumann.

Für Antony Hermus der Anlass, auf einen besonderen Hintergrund des "Tweetfonie"-Projektes zu verweisen. Angeregt wurde es vom niederländischen Metropole Orkest, das mit einem ähnlichen Konzert 2012 auf seine durch die angedrohte Streichung öffentlicher Gelder bedrohte Existenz aufmerksam machte. Eine Parallele zur aktuellen Situation des Anhaltischen Theaters Dessau.