Berlin (dpa) l Während Dan Brown in der Regel mit vier, fünf Seiten für sein erstes Kapitel auskommt, benötigt Frank Schätzing immer etwas mehr Platz. Für den Prolog seines neuen Thrillers "Breaking News", der heute im Verlag Kiepenheuer Witsch erscheint, nimmt sich der Star-Autor satte 80 Seiten. Was nicht heißt, dass Schätzing lange braucht, um in die Handlung einzuführen. Dafür genügen wenige Zeilen.

Dann steht da: "Sack übern Kopf, unter der Kinnlade zugebunden." Der Leser lernt den Krisenberichterstatter Tom Hagen kennen und taucht wenig später ein in eines der komplexesten Probleme unserer Zeit: den Nahostkonflikt. Den Schätzing auch noch um eine Verschwörung um einen der streitbarsten Politiker der vergangenen Jahrzehnte erweitert.

Krisenreporter Hagen liebt es, in Libyen beschossen zu werden, und schreckt auch nicht vor Interviews mit professionellen Geiselnehmern in Afghanistan zurück. Sein Ziel: einzigartige Geschichten und "Breaking News". Und nebenbei will er drei Geiseln befreien, was aber komplett schiefgeht.

Das ist die eine Grundlage der Geschichte. Die andere ist der zunehmende Hass, in den die Kinder des Jahrgangs 1928 in den Dörfern Palästinas hineingeboren werden. In "Breaking News" haben Schätzings Figuren die Träume, die auch Israelis und Palästinenser in der Wirklichkeit seit Jahrzehnten im Nahen Osten träumen: vom eigenen Staat, von einem Zuhause - aber vor allem vom Frieden.

Unter den Kindern Palästinas ist der kleine Arik, ein Außenseiter, der frustriert Blumen die Köpfe abschlägt, von den anderen Jungen erst ignoriert und später doch in die Gemeinschaft aufgenommen wird. "Wegen Arik werden wir alle sterben", weiß eine Mutter seiner Freunde schon kurz, nachdem der kleine Junge erstmals auftaucht.

Wer dieser Arik ist? Kein Geringerer als Ariel Scharon, Israels späterer Ministerpräsident. Das erfährt der Leser aber erst nach 250 Seiten. Fast biografisch erzählt Schätzing anhand der Erfahrungen einer fiktiven, mit Scharon befreundeten Familie Kahn den Lebens- und Leidensweg Scharons und wie engste Freunde sich von seiner Politik geprellt fühlen. Frühere Wegbegleiter werden zu Hardlinern, die sich im aufgehetzten Kampf um den eigenen Staat radikalisieren. Während Ariks Aufstieg in Militär und Politik unentwegt voranschreitet, arbeiten sie im Geheimen daran, seinen Abstieg vorzubereiten: den ins Grab.

Realität und Erfundenes sind bei Schätzing eng verwoben. Der wirkliche Scharon starb im Januar 2014 nach jahrelangem Koma. Schätzing konstruiert um die Umstände des Komas eine Verschwörung, die erschreckend real wirkt.

Witz und Hass, Religion und Militär, Krisenreport und Familiensaga

In dem Buch stecken Politthriller, Krisenreport und Familiensaga, die Detailverliebtheit eines Ken Follett, Religion und Militär, Witz und Hass, der von Generation zu Generation weitergegeben wird. Und dann auch noch eine Geheimdienst-Dame mit Verhaltens-auffälligkeiten einer Lisbeth Salander aus Stieg Larssons "Millennium"-Trilogie.

"Breaking News" ist ein Wälzer von knapp 1000 Seiten. "Beim Thema Nahost fließt extrem viel Recherche mit rein. Da will man nicht schlampen und an der falschen Stelle Seiten einsparen", sagt Schätzing dazu. Herausgekommen ist ein atemberaubender Roman. Die Geheimdienstlerin fragt irgendwann völlig zu Recht: "Ging es nicht eine Nummer kleiner?" Nein, nicht auf 1000 Schätzing-Seiten - wenn schon, denn schon.

Schätzing erklärt den Stoff im Laufe der Handlung, ohne in die Langeweile manchen Sachbuchs abzugleiten. Er schafft es, Zynismus und Zionismus in einem Buch zu verbinden, Freundschaften unter Feinden und Feindschaften unter Freunden zu zeigen.

Frank Schätzing, Breaking News. Verlag Kiepenheuer Witsch, Köln, 976 S., 26,99 Euro