Magdeburg l Der Ort der Handlung bleibt offen. Eine Kleinstadt mit zwei Neubaugebieten, gutbürgerlicher Struktur, zwei Schützenvereinen und sechs Schulen könnte überall in Deutschland liegen. Für Marc ist sein Gymnasium ein verhasster Ort. Mitschülern mobben, nennen ihn nur das Opfer, den Popel, haben den stillen Jungen aus ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen. Lehrer sehen die Probleme nicht, lassen ihn ihr Desinteresse spüren.

In der eigenen Familie das gleiche Bild. Vom Vater gibt es Vorwürfe und Forderungen, er wünscht sich "einen richtigen Mann" als Sohn. Nur bei Onkel Martin spürt sich Marc zumindest im Ansatz angenommen.

Marcs Freundschaft zu Giulia hält nur kurze Zeit, weil er sich weigert, sich anzupassen. Ein Amoklauf als Ausweg? Die Magdeburger Inszenierung lässt das Ende letztlich offen. Schüsse hinter der Bühne, aber kein sichtbares Blutbad.

Ereignisse aus der Vergangenheit werden als Rückblenden gezeigt, die Suche nach Ursachen und Auslösern der Tat des Schreckenstags findet öffentlich statt. Die unterschiedlichen Ebenen des Spiels verschmelzen zu einer geschlossenen Handlung, schaffen Klarheit über die Gefühle von Marc, authentisch und glaubwürdig von Felix Friedrich gespielt. Er ist stets der Stille, der sich scheinbar in sein Schicksal ergeben hat. Mit der Waffe in der Hand trumpft er auf, wird laut, beherrscht für einen kurzen Moment die, die ihn sonst unterdrückten. Sophia Flotho als Guilia überzeugt mit Einfühlungsvermögen an seiner Seite.

Das Stück von Peter Haus dient als Grundlage für die Inszenierung. Lange habe man nach solch einem Buch gesucht, das sich mit dem Thema Amok beschäftigt, sagt Knut Müller-Ehrecke. Ein Jahr begleitet der Schauspieler und Regisseur das Projekt, nennt es eine Herausforderung. Der Amoklauf von Winnenden mit 16 Toten liegt fünf Jahre zurück. Müller-Ehrecke erinnert sich an die ersten Gespräche mit Schülern und Lehrern. Nachdem diese erst einmal spontan eine solche Handlung an ihrer eigenen Schule für unvorstellbar hielten, hätten sie schnell Feuer gefangen. Sponsoren unterstützten das Vorhaben und machten es erst möglich.

Mit durchschnittlich drei Proben im Monat und dem bevorstehenden Abitur haben die Mädchen und Jungen Erstaunliches geleistet. Sie agierten wie die erwachsenen Darsteller souverän und überzeugend. Knut Müller-Ehrecke führte die Laiendarsteller mit Nervenstärke zu den zwei Vorstellungen in der eigenen Schule.

Gerade in den Szenen im Unterricht, bei den Auseinandersetzungen mit Marc, boten die Akteure einen Eindruck von täglicher Realität in der ganzen Bundesrepublik. Rücksichtslosigkeit gegenüber vermeintlich Schwachen, die ungeschützt unter solch einem Miteinander leiden, nach Auswegen suchen. Ein Amoklauf kann die bittere Lösung sein.