Naumburg l Zu ihren Füßen werden Rosen niedergelegt und Liebesschwüre geflüstert. "Manche bringen sogar selbstgeschnitzte Uta-Figuren mit", erzählt der Naumburger Domführer Henry Mill.

Es scheint, als wären wesentlich mehr Menschen in diese Figur verliebt als in jeden anderen Stein. Dabei hat die Sandsteinskulptur weder die fantasieanregende Nacktheit der Venus von Milo noch die aufregende Körperlichkeit von Michelangelos David. Uta ist keusch verhüllt bis auf Gesicht und Hand. Das Besondere wird im Vergleich mit den anderen Stifterfiguren im Naumburger Dom deutlich: Der entrückten Ebenmäßigkeit der Züge Utas steht die burschikose Gewöhnlichkeit ihres Ehemannes Ekkehard zur Seite. Auch die anderen Frauen - Reglindis, Gerburg und Gepa - sind eher Naturschönheiten als klassische Idealfrauen.

Der ehemalige Domführer Wolfgang Ullrich, heute Kunst-Professor in Karlsruhe, hat in seinem Buch "Uta von Naumburg. Eine deutsche Ikone" (Wagenbach, Berlin, 190 S., 11,90 Euro) die Geschichte dieser Liebe erforscht. Mit überraschenden Ergebnissen: Goethe und Schiller besuchten zwar den Dom, doch die Figuren im Westchor fielen ihnen nicht auf. Auch Friedrich Nietzsche, der häufig bei seiner Mutter in Naumburg war, erkannte die Besonderheit der Figurengruppe nicht - ganz im Gegensatz zu seinen Nachfahren.

Denn in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Naumburger Uta nicht nur zum Inbegriff deutscher Frauenschönheit. Sie galt als Heilige und als Verkörperung des Kunst-Ideals der Nazis. Die Organisatoren der Ausstellung "Entartete Kunst" stellten eine Fotografie der Uta-Figur den verhassten, zeitgenössischen Werken gegenüber. Uta erschien im Propagandafilm "Der ewige Jude", und 1937, zur Eröffnung des Hauses der Kunst in München, fuhr eine Nachbildung der Naumburger Figur im Festumzug "Zweitausend Jahre deutsche Kultur" mit.

Diese Popularität ist durchaus erstaunlich, denn während der Nazizeit zählten Mutterschaft und Tatkraft. Die historische Figur der Uta von Ballenstedt aber, die zwischen 1000 und 1046 lebte und mit Ekkehard von Meißen verheiratet war, spielte keine Rolle in der Geschichte und ihre Kinderlosigkeit bedeutete das Aus für das Geschlecht der Ekkehardiner.

In der DDR avancierte sie sogar, zusammen mit den anderen Stifterfiguren, zum Vorbild realistisch-sozialistischer Plastik.

Politisch ist die Begeisterung für die Uta-Figur längst nicht mehr. Falsche Vorstellungen haben viele Besucher trotzdem. Oft erlebt Domführer Mill, dass Besucher die berühmte Uta gar nicht finden. Zu sehr erwarten sie, einer Figur gegenüberzutreten, wie sie sie von Nahaufnahmen in Büchern und auf Postkarten kennen. Doch die Figuren des Naumburger Meisters, jenes namenlosen Bildhauers, der um 1250 in Naumburg arbeitete, waren eben doch "nur" Stifter- und keine Heiligenfiguren und haben daher ihren Platz hoch oben im Westchor.