Magdeburg l "Ich finde es schlicht unerträglich, dass sich immer noch Nazi-Raubkunst in deutschen Museen befindet", sagte Kulturstaatsministerin Monika Grütters im Januar. So einen Satz sagen Politiker gern, doch Grütters ließ ihm umgehend Taten folgen: Im Februar gab sie bekannt, dass sie ein "Deutsches Zentrum Kulturgutverluste" gründen werde. Am 14. März wird sie dieses Vorhaben mit den Kultusministern der Länder beraten. Grütters wird nicht nur vorschlagen, dass der Bund mehr Geld für die Erforschung von Museen und Archiven bereitstellt, sondern auch, dass Magdeburg der Sitz des neuen Zentrums wird.

Er freue sich darüber sehr, sagt Michael Franz. Franz ist Chef der 2001 eingerichteten Koordinierungsstelle für Kulturgutdokumentation und Kulturgutverluste in Magdeburg, die die Datenbank lostart.de betreibt. Franz hofft auf "Synergieeffekte bei der Forschung", die dem Ziel der Rückgabe an die rechtmäßigen Eigentümer zugutekommen würden.

Die Berliner "Arbeitsstelle für Provenienzforschung", die Teil des neuen Zentrums werden soll, hat seit ihrer Gründung 2008 129 Projekte gefördert. Ihr Chef, Uwe Hartmann, sieht trotzdem noch immer große Defizite. "Für naturwissenschaftliche und technikhistorische Sammlungen liegen in Deutschland so gut wie keine Erfahrungen vor. Auch in den ethnologischen Museen stehen wir mit bislang einem geförderten Projekt noch am Anfang", sagt Hartmann. Eine systematische Forschung in Stadtarchiven, Stadtbibliotheken und Stadtmuseen gebe es so gut wie gar nicht.

Susanna Köller, Kunsthistorikerin am Landesmuseum Stiftung Moritzburg in Halle, kennt die Probleme, wenn zum ersten Mal eine Sammlung erforscht wird. Zwischen 2011 und 2013 begann sie, die Herkunft der Hallenser Sammlung zu untersuchen. Die Zeit und die Finanzierung der Stelle reichten allerdings nur für Gemälde und Grafik und nur für die Zeit zwischen 1933 und 1945. Zur Sammlung gehört aber auch Kunsthandwerk und die Forschung nach Beständen, die möglicherweise aus Enteignungen durch die DDR stammen, stehe ebenfalls noch aus. Thomas Bauer-Friedrich, seit Anfang März Direktor der Moritzburg, hofft deshalb auf mehr Unterstützung für kleinere Museen durch das neue Zentrum. "Im Fokus sollte die Bündelung von Ressourcen und Kompetenzen und die fachliche Beratung der Verantwortlichen stehen", sagt Bauer-Friedrich.

Auf neue, übergreifende Forschungsprojekte, die nicht von einem Einzelobjekt ausgehen, sondern Sammler, Sammlungen, Kunsthändler betrachten, setzt auch Gabriele Köster, Direktorin des Kulturhistorischen Museums in Magdeburg. Denn ihr Museum hat sowohl seine Verluste als auch seine Funde vor Jahren in der Datenbank lostart.de publiziert. Für tiefergehende Forschungen fehlen dem Museum die Unterlagen. Denn nicht nur die ausgelagerte Sammlung verbrannte 1945, sondern auch die Inventare.

Nach einer Schätzung des Instituts für Museumsforschung befinden sich in über 60 Prozent der deutschen Sammlungen Objekte, die nach 1933 dorthin kamen. Es gibt viel zu tun, doch momentan fehlen speziell ausgebildete Provenienzforscher. "In den ersten Jahren konnte ich Kolleginnen und Kollegen vermitteln. Im Moment sind alle sehr gut beschäftigt und einige gehen an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit", beschreibt Uwe Hartmann die Lage. Bisher bietet nur die Freie Universität in Berlin eine kontinuierliche Ausbildung an.

Eines der wenigen Museen, das die Herkunft seiner Sammlungsstücke nach eigenen Angaben restlos kennt, ist das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. "Unsere Bestände sind schon immer gut dokumentiert worden", sagt Bettina Stoll-Tucker, Leiterin von Archiv, Sammlung und Bibliothek.

Das Museum besitze vor allem Stücke, die aus Grabungen direkt in die Sammlung kamen und Archäologen interessieren sich sowieso immer für den Fundort. "Alle Anfragen von Forschern und Nachfragen von Erben konnten wir mithilfe unseres Archivs aufklären", sagt Stoll-Tucker.