Quedlinburg l Wenn Silke Nuss die Probebühne betritt, ist es noch dunkel im Theatersaal. Sie ist vormittags die erste an der Quedlinburger Spielstätte des Nordharzer Städtebundtheaters. Etwa eine halbe Stunde, bevor die Darsteller eintreffen, bereitet die Regieassistentin für Musiktheaterproduktionen die Bühne für die Probe vor. "Ich stelle die Requisiten hin und markiere die Stellen, an denen sich später Türen oder Wände befinden", sagt Silke Nuss. Bei schweren Utensilien packten die Kollegen der Technik schon mal mit an.

Mit der Probe beginnt die eigentliche Arbeit: "Ich führe das Regiebuch", sagt Nuss. Beim Musiktheater hat sie dafür meist den Klavierauszug, manchmal parallel dazu das Textbuch, vorliegen. "Während der Probe schreibe ich alles hinein, was szenisch erarbeitet wird." Dazu zählen Auf- und Abgänge, jede Bewegung der Darsteller, die Lichtstimmung und Gedanken - alles auf den Takt genau festgelegt. Besonders kompliziert sei das, wenn der Chor dabei ist. "Da muss ich zusätzlich notieren, wo jeder Sänger steht, hingeht und was er macht", sagt Silke Nuss.

Besonders wichtig sind diese Aufzeichnungen, wenn eine Spielzeit zu Ende ist und ein Stück in eine weitere übernommen wird. "Dazwischen liegen manchmal Monate. Bei mehreren Stücken, die ich begleite, kann ich mir unmöglich die Umsetzung eines jeden Stückes merken." Zudem kann Silke Nuss Gastdarsteller, die beispielsweise bei Krankheit einspringen, anhand der Unterlagen in die Inszenierung einweisen.

Ist die Premiere vorbei, reist der Regisseur ab. Zu dem Zeitpunkt übernimmt die Regieassistentin die Verantwortung für das Stück. Bei Umsetzungsproben - wenn die Produktion eines Hauses von einem anderen übernommen wird - ist Silke Nuss daher stets dabei. "Bei Gastspielen an anderen Häusern überlege ich mir, wie die Stücke den dortigen Verhältnissen auf der Bühne angepasst werden können", sagt sie.

Darüber hinaus hat Silke Nuss sogenannten Vorstellungsdienst. "Ich bin bei den Aufführungen anwesend und achte darauf, dass die Darsteller auf der Bühne das machen, was sie sollen."

Konzentrationsfähigkeit und Organisationstalent seien zwei grundlegende Fähigkeiten, die für den Beruf erforderlich sind. "Mir darf kein Detail entgehen und ich muss planen können", erklärt Silke Nuss. Denn schon lange vor der ersten Probe organisiert sie den Probenplan. "Dabei muss ich genau im Auge behalten, wer wann verfügbar ist." Jeden Tag bis 14 Uhr stellt sie zusätzlich den Plan für die Proben des folgenden Tages auf - für Sänger, Schauspieler und Tänzer.

Seit 34 Jahren schon. An ihren ersten Tag am Nordharzer Städtebundtheater kann sich Silke Nuss noch gut erinnern. "Das war ein Sonntag. Gleich an meinem zweiten Arbeitstag haben wir einen Betriebsausflug gemacht", sagt sie. Mittlerweile scheint sie ganz am Theater angekommen. Obwohl sie sich in ihrer Jugend eher als Mathe- und Physik-Lehrerin in einem Klassenzimmer gesehen hatte. "Drei Jahre habe ich dafür in Halle studiert, war aber zwei- bis dreimal die Woche in Leipzig, Berlin oder Dresden - am Theater." Das hätte sie immer schon interessiert.

Mit einer Stelle in der Öffentlichkeitsarbeit an der Halberstädter Spielstätte habe sie ihre Berufspläne den Bach hinabgeschickt. "Ich habe mich da reingearbeitet", sagt sie, "und später noch Theaterwissenschaften studiert." Mit Diplomarbeit über Richard Wagner.

Seine Stücke liebe sie. Wagners "Tannhäuser" war ihre erste Assistenz. Zu einer der Aufführungen sollten zwei Gastdarsteller aus Dresden anreisen. "Es war Winter und sie kamen mit dem Auto nicht gut voran", erzählt Silke Nuss. Fünf Minuten vor Vorstellungsbeginn waren sie noch immer nicht da. Der Start wurde jedoch nicht verschoben. "Dafür musste ich den Gästen jeweils zwischen Maske und Einweisung möglichst unauffällig zurufen, was sie zu tun haben." Abenteuerlich - so beschreibt sie die Situation im Rückblick.

Eine "absolute Sternstunde" hingegen sei "Der Rosenkavalier" gewesen. "An einem kleinen Haus wie dem unseren ist eine ganz andere Atmosphäre zu spüren, wenn ein so großer Bolzen auf die Bühne kommt", sagt Silke Nuss.

Mit 54 Jahren denke sie zwar noch nicht ans Aufhören, hat aber bereits eine Idee, wie das ablaufen könnte: "Toll wäre noch einmal `Tannhäuser`, als meine letzte Assistenz - da schlösse sich der Kreis", sagt sie.