Buchempfehlungen
Dr. Harry Ziehten, Dr. Ziethen Verlag, Oschersleben: "Es ist immer wichtig, auf die zurückzugreifen, die auch heute noch Bedeutung haben. Für mich wäre das etwa Franz Kafka. Unter den Neuerscheinungen würde ich zum Buch `Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki` des japanischen Autors Haruki Murakami raten."

Roman Pliske, Geschäftsführer des Mitteldeutschen Verlages, Halle: "Meine Empfehlung ist `Gelindes Grausen. Tagebuch 2011-2013` von Erich Loest. Es ist eine späte Biografie kurz vor Loests Tod, die uns zeigt, wie ein Mensch nicht nur mit dem Alter, sondern auch mit der Krankheit hadert."

Reinhardt Cornelius-Hahn, Verleger des Projekte-Verlags Cornelius, Halle: "Für mich ist das noch immer Kafkas `Die Verwandlung`, weil dieses Buch einen ungeheuren Wandel der Menschheit aufzeigt. Unter den neuen Veröffentlichungen ist für mich der klare Favorit `Genug gegendert` vom Österreicher Tomas Kubelik.

Leipzig l Eines wird im Gespräch mit Verleger Reinhardt Cornelius-Hahn deutlich: Die Zukunft des Buches entscheidet sich nicht zwischen Papier und Digitalisierung. "Der Lesetrend der nächsten Jahre liegt in der Suche der 30-Jährigen nach Sinnhaftigkeit und Sinnleitung, die Suche derer, die viel haben und trotzdem nicht wissen, was sie wollen." Was der Verleger des Projekte-Verlags Cornelius aus Halle meint, ist die Menge verfügbarer Informationen, die persönliche Entscheidungen nicht einfacher machen. "Ein 20-Jähriger hat heute achtmal mehr Informationen als Goethe in seinen 80 Jahren. Dafür umfasste Goethes Wortschatz gut 90 000 Wörter, in der jungen Generation sind es heute manchmal nur 300", macht Cornelius-Hahn deutlich.

Die Literatur braucht wieder ehrliche Helden

Diese Entwicklung betrachtet der Hallenser Verleger als Herausforderung. "Es liegt in unserer Verantwortung, nicht nur Mainstream zu machen." Viel mehr sei es wichtig, Bücher in den Vordergrund zu rücken, die der originären Aufgabe - zur Bildung beizutragen - gerecht werden. Bücher, die Freiheit und Toleranz vermitteln. Bücher, die Lebensorientierung bieten.

Einfach zu erfüllen ist die Maxime nicht. "Es fehlen die reifen Autoren, die kollagenartig Lebenserfahrungen übereinanderlegen können, die Autoren, die Tugenden verdeutlichen", so Cornelius-Hahn. Die Herausforderung für Autoren und Verlage sei klar: "Wir brauchen in der Literatur wieder Helden, die die Welt sortieren und moralisch vorleben, Helden, mit sauberem, klarem Verstand, die ehrlich sind, auch wenn es weh tut." Andererseits: "Wir brauchen auch die eine Hälfte von Uli Hoeneß, aber nicht die andere Hälfte, die im Verhältnis zu ihrem Leben so beunruhigt, dass man über ihr Verhalten den Kopf schüttelt."

Reinhardt Cornelius-Hahn bricht auf der Leipziger Buchmesse vor allem eine Lanze für das Lesen. Der Transportweg der Inhalte ist dabei zunächst zweitrangig. Trotzdem hat sich der mittelständische Verleger der Digitalisierung nicht verschlossen. 600 Titel hat der Projekte-Verlag Cornelius bereits im elektronischen Format veröffentlicht, plattformübergreifend, versteht sich. Zudem hat die Erfahrung dem Verleger gezeigt: "Manche Bücher wie unser `Das Kettenhemd` oder `Der Vandale`, Science-Fiction und Fantasy allgemein verkaufen sich nur noch als E-Book."

Bildbände scheitern noch an Digitalisierung

Branchenkollege Roman Pliske, Geschäftsführer des Mitteldeutschen Verlages aus Halle, kennt das. "Bei uns gehen Krimis digital sehr gut, aber auch einige Sachbücher." Tatsächlich machen digitale Bücher beim Mitteldeutschen Verlag inzwischen fünf Prozent des Geschäfts aus. Das sei überraschend gut, meint Pliske. Immerhin sei die Entscheidung für den digitalen Vertriebsweg erst vor zwei Jahren gefallen.

Doch weder Pliske noch Cornelius-Hahn glauben, dass die Digitalisierung das klassische Buch verdrängt. "Ein Text-Buch lässt sich problemlos digitalisieren. Doch die Technik ist noch nicht an dem Punkt, wo tolle Bildbände wirklich adäquat digital wiedergegeben würden", ist Pliske überzeugt. Zudem spiele für viele Leser die aufwändige grafische Gestaltung eine wichtige Rolle für das Lese-Wohlgefühl. Und auch die Haptik sei oft entscheidend: "Die Beziehung zwischen gedrucktem Buch und Leser ist unmittelbar. Ein Bildschirm bleibt oft eine Barriere zwischen dem Leser und der Geschichte", meint Reinhardt Cornelius-Hahn.

Ziethen-Verlag hofft auf den Roman mit Plus

Der Oschersleber Dr.-Ziethen-Verlag will den Weg der Digitalisierung erst beschreiten. "Wir sprechen seit einigen Jahren darüber", sagt Verleger Harry Ziehten, "und wollen auf der Leipziger Buchmesse nun den passenden Partner für unser Buchprogramm finden." Der Reiz liege in den vielfältigen Möglichkeiten: "Eine beschriebene Wanderung aus dem bei uns verlegten Buch `Odins Fluch` ist bereits zu einem offiziellen Wanderweg geworden. Und `Magdeburg und das Land östlich der Elbe von Zerbst bis Havelberg` ist für manche regionale Radwanderung Ausgangspunkt. Wenn wir Karten und weiterführende Informationen auch zu Romanen anbieten könnten, die sich sonst nicht darstellen ließen, wäre das toll."

Die Digitalisierung ist für den Oschersleber Verleger ein Trend mit Zukunft. Andere Trends der Leipziger Buchmesse hingegen, etwa das Selfpublishing, hält Ziethen für weniger erfolgreich: "Das ist eine Möglichkeit für Autoren, die mit ihren Manuskripten bei Verlagen nicht unterkommen konnten. Der Buchmarkt ist ein hartes Pflaster. Verlage lehnen Manuskripte aber nicht ohne Grund ab."