Warum bleiben junge Künstler in Sachsen-Anhalt, warum gehen sie -ein Ausstellungsprojekt in Halle sucht Antworten.

Halle l Fünf junge Wissenschaftler aus Halle haben zehn junge Künstler-Absolventen der Kunsthochschule Halle ein Jahr lang begleitet und interviewt. "Erwerb" heißt die Ausstellung, die daraus entstand und die noch bis 6. April in der Burg Galerie am Volkspark zu sehen ist.

Dort kann man über die Stadt Halle lesen: "Gerade die sehr günstigen Lebenshaltungskosten und die weitreichenden, oftmals informellen Netzwerkmöglichkeiten machen Halle zu einem attraktiven Lebensort für bildende Künstler und Künstlerinnen."

Dem kann der Bildhauer Simon Horn nur zustimmen. Er ist nach dem Studium in Halle geblieben, reist aber viel. Denn die großen Ausstellungen finden anderswo statt. Horn wünscht sich daher "einen Raum" für Ausstellungsprojekte junger Künstler.

Oliver Müller, Ethnologe und "Erwerb"-Initiator, sieht das Fehlen eines solchen Raums ebenfalls als Problem, doch er fordert nicht nur einen "Raum", sondern eine "Kunsthalle zur Ausstellung junger Kunst".

Gleitzeit ins Berufsleben

Die Schmuckkünstlerin Jasmin Matzakow ist schon nicht mehr im Land. Sie machte ihr Diplom in Halle, war, wie Simon Horn, Teil des "Erwerb"-Projekts und studiert jetzt noch einmal in Stockholm. Bevor sie ging, machte sie einen Existenzgründerkurs, wie die meisten ihrer ehemaligen Kommilitonen.

Dieser Kurs der Fortbildungs- und Beratungs-GmbH Hoffmann und Partner ist nach den Erfahrungen der Kuratoren des "Erwerb"-Projekts ein wichtiger Grund, nach dem Studium erst einmal in Sachsen-Anhalt zu bleiben. Sie nennen ihn "eine institutionalisierte Gleitzeit in das Berufsleben", denn neben der Vermittlung von betriebswirtschaftlichen, steuerlichen und rechtlichen Grundlagen, bekommen die Teilnehmer eine finanzielle Unterstützung. Der Kurs wird aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Landes Sachsen-Anhalt finanziert.

Geschäftsführerin Kathrin Quade kennt alle jungen Künstler aus Sachsen-Anhalt, denn sie waren alle in ihren Kursen. Sie hat aber nicht nur erfolgreiche Kunsthochschulabsolventen in die Selbständigkeit begleitet, sondern bei einigen eine gewisse Selbstgenügsamkeit beobachtet. "Wenn Künstler das Klischee des Hungerkünstlers für sich annehmen, ist das auf ihrem Weg ziemlich hinderlich", sagt Quade.

Viel Arbeit, kein Gehalt

Von solcher Bescheidenheit hält Schmuckkünstlerin Jasmin Matzakow nicht viel. Sie hat zwar auch nichts gegen Nebenjobs, solange sie die Energie behalte, "tief genug in ein künstlerisches Thema einzutauchen".

Doch sie fordert vor allem eine angemessene Bezahlung für Ausstellungsaktivitäten. "Die meisten Ausstellungen sind so organisiert, dass alle Beteiligten ganz viel Arbeit in das Projekt stecken und die wenigsten mit einem Gehalt bedacht werden. Meist dürfen die Künstler froh sein, überhaupt auszustellen. Wir Künstler ändern diese Situation nicht, sondern machen da ganz brav mit", kritisiert Matzakow. Ausstellungshonorare sind ein kulturpolitisches Thema, das weit über die Landesgrenzen hinaus reicht.

Den Künstlern in Sachsen-Anhalt wäre schon mit einem unabhängigen Kulturmanager geholfen, der für eine bessere Kommunikation zwischen Künstlern und Städten in Sachsen-Anhalt sorgt, sagt Bildhauer Simon Horn. Denn zum Beispiel mit der Landeshauptstadt Magdeburg habe er bisher noch nie Kontakt gehabt.

Mangelnde Kommunikation sieht auch Manon Bursian als großes Problem. Die Direktorin der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt schwärmt von der hohen Qualität der Kunsthochschulabsolventen, von ihrer Kunst und ihren internationalen Erfolgen. Bursian sieht viele Möglichkeiten für junge Künstler in Sachsen-Anhalt. "Da es nicht so viele Künstler im Land gibt, bekommt jeder zweite, dritte Bewerber ein Stipendium", sagt Bursian.

Dass Künstler weggehen, findet sie normal. Doch dass es wenig Vernetzung im Land gibt und eine Ausstellung wie "Erwerb" nur in Halle gezeigt werde und nicht durchs Land reise, nicht.

Wenn sich nichts ändert, dann wird sich ein Trend fortsetzen, den die Kuratoren des "Erwerb"-Projekts in ihren Künstlerbefragungen festgestellt haben: Gleich nach dem Studium bleiben die jungen Künstler in Halle, weil die Lebenshaltungskosten und die Ateliermieten günstig sind. Doch bald ziehen sie weg. Nicht nur dorthin, wo es mehr Sammler und mehr Galeristen gibt, sondern auch dorthin, wo die Präsentationsmöglichkeiten besser sind.

 

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