Berlin (dpa) l Der Schriftsteller Erwin Strittmatter (1912-1994) rechnet in seinen Tagebüchern auch mit den Verbrechen des Stalinismus ab. Die von der Akademie der Künste herausgegebene Zeitschrift "Sinn und Form" veröffentlicht jetzt erstmals Auszüge aus den Jahren 1974 bis zu seinem Tod 1994. Strittmatter wurde vor allem durch Bücher wie "Ole Bienkopp" und "Wundertäter" bekannt und war in der DDR fast noch populärer als Christa Wolf.

Die Auszüge stammen aus dem im Sommer im Berliner Aufbau Verlag erscheinenden, von Almut Giesecke herausgegebenen Band "Der Zustand meiner Welt. Aus den Tagebüchern 1974-1994". Der größte Teil des schriftlichen Strittmatter-Nachlasses befindet sich im Archiv der Berliner Akademie der Künste.

1974 notierte Strittmatter nach der Lektüre von Alexander Solschenizyns Buch "Der erste Kreis der Hölle": "Ich wusste wieder, weshalb mich die Aufdeckung der Verbrechen im Stalinismus fast zu einer Gleichsetzung von Faschismus und Stalinismus führte. Die Entschuldigungen und Zurechtredereien der alten Genossen verfingen bis heute bei mir nicht."

Am selben Abend hatte Strittmatter auch eine TV-Dokumentation über die NS-Verbrechen im besetzten Polen gesehen und notierte danach: "Ein Pole, der das bewusst erlebte, wird den Deutschen meiner Generation das nie vergessen. Das kann er nicht."

Zu Strittmatters 100. Geburtstag 2012 war durch eine neue Biografie (von Annette Leo) bekannt geworden, dass Strittmatter Angehöriger eines der SS unterstellten Polizeiregiments war, das in Slowenien und Griechenland Kriegsverbrechen verübte. In den 2012 im Aufbau Verlag erschienenen Tagebüchern von 1954-1973 kommt Strittmatter auf die Kriegszeit immer nur in kurzen Andeutungen zu sprechen.

Im April 1978 scheint Strittmatter Befürchtungen zu haben, dass seine privaten Aufzeichnungen in falsche Hände geraten könnten und notiert im Tagebuch: "Kann es soweit kommen, dass ein Mensch fürchtet, zur Rechenschaft gezogen zu werden, wenn er aufschreibt, was er in seiner Umgebung und in der Gesellschaft, in der er lebt, durchschaute und erkannte?"

Im Januar 1990 trat Strittmatter, der bis 1978 einer der Vizepräsidenten des DDR-Schriftstellerverbandes war, nach 43 Jahren Mitgliedschaft aus der SED aus. "Da ich schon seit der Beendigung des "Wundertäters III", vor mehr als zehn Jahren, innerlich mit dieser Partei fertig war, ist diese Zurückgabe des Parteibuches nur noch eine Formsache."

Anfang Januar 1994 kommt es zu den letzten Eintragungen im Tagebuch: "Ein Tag grauer als der andere. Jetzt habe ich fünf oder sechs verschiedene Schlafmittel ausprobiert. Keines hilft mir... Weshalb klagen? Ich muss mich daran gewöhnen, dass mein Leben Schritt für Schritt zu Ende gehen muss." Erwin Strittmatter starb wenige Tage später.