Ai Weiwei (56) ist einer der wichtigsten Gegenwartskünstler weltweit. Vielen Chinesen gilt der Bildhauer, Dokumentarfilmer, Aktions- und Installationskünstler als "soziales Gewissen", weil er gesellschaftliche Missstände thematisiert. Als Menschenrechtler und Kritiker des kommunistischen Regimes fiel er bei den Machthabern in seinem Heimatland in Ungnade. Wegen angeblicher Steuervergehen wurde er im April 2011 festgenommen und erst zwei Monate später gegen Kaution und unter
strengen Auflagen wieder auf freien Fuß gesetzt.

Peking (dpa) l Im Martin-Gropius-Bau in Berlin wird die bisher größte Ausstellung des berühmtesten chinesischen Künstlers der Gegenwart, Ai Weiwei, gezeigt. In einem Interview spricht Ai Weiwei über die schwere Vertrauens- und Identitätskrise, unter der sein Land leide.

Frage: Was verstehen Sie unter dem "Chinesischen Traum"?
Antwort: Der "Chinesische Traum" heißt für mich, wie wir eine Gesellschaft schaffen, die grundlegende Rechte schützt, damit sich jeder sicher fühlt. Nur wer Meinungsfreiheit hat, kann Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen. In China gibt es keine Tradition, sich in öffentliche Angelegenheiten einzumischen. Die Menschen verstecken ihre Ansichten und versuchen, nicht Opfer zu werden. Wir haben Generationen erlebt, die zerstört wurden, weil sie versucht haben, den Mund aufzumachen.

Frage: Viele Chinesen verlassen ihr Heimatland. Was bedeutet das?
Antwort: Es gibt kein Vertrauen. Niemand will etwas in die Zukunft investieren. In dieser Gesellschaft wurde nichts von der Vergangenheit geerbt. Kein Land. Kein Besitz. Kein Geld. Nicht dein altes Dorf. Nicht die Straße, in der deine Familie lebt. Jeder bewegt sich hin und her. Es gibt keine Nachbarschaften. Niemand spricht mit den Leuten nebenan. Niemand teilt Informationen. Du weißt nicht, wem dein Wohnhaus gehört. Alles ist ein Geheimnis. Es ist eine Gesellschaft ohne Vertrauen. Sie hat keine gemeinsamen Werte, die es zu schützen gilt. Dann gibt es eine Regierung, die sich niemals einer Herausforderung ihrer Legitimität stellt. Sie vertraut den Leuten nicht, denen sie dienen soll. Auch soll das Volk nicht über sie abstimmen dürfen. Wovor haben sie Angst?

Frage: Ja, was fürchten die Führer?
Antwort: Wie jede Diktatur fürchten sie den Verlust der Macht, der einflussreichen Familienverbindungen. Das ist ganz einfach. Alle Diktaturen sind sich ähnlich.

Frage: Würde die Kommunistische Partei Wahlen gewinnen?
Antwort: Ich hoffe, dass sie gewinnen können. Wenn sie durch echte Wahlen gewinnen, gratuliere ich ihnen, weil es die Entscheidung des Volkes ist. Vielleicht arbeite ich dann sogar für sie.

Frage: Ihre Gegner werfen Ihnen vor, extrem zu sein. Stimmt das?
Antwort: Wie kann ein verletzliches Individuum extrem sein? Ist es extrem, wenn ich frage, wer mir auf den Kopf geschlagen hat? Ist es extrem, wenn ich frage, warum ich inhaftiert oder freigelassen werde? Ist es nicht vielmehr extrem, wenn meine Freunde, die weniger radikal sind als ich und der Partei und Gesellschaft helfen wollen, hinter Gitter gebracht werden? Ist es nicht extrem, wenn ich so tue, als wenn ich diese Dinge nicht wüsste? Oder wenn ich so tue, als wenn diese Gesellschaft so glorreich wäre, und andere Meinungen nicht zulasse? Ich denke, das ist extrem. Und es ist extrem, wenn du jemanden sterben siehst und nicht hilfst.

Frage: Ist China auf der Suche nach sich selbst?
Antwort: China ist in einer schweren Identitätskrise. Der Grund liegt in einer langen Vernachlässigung intellektueller Kommunikation. Es kommt daher, dass die "Macht aus den Gewehrläufen kommt". Das ist wirklich ein Problem, weil sich die Macht von brutaler Gewalt herleitet. Obwohl sie heute die Macht innehaben, müssen sie diese mit Gewalt verteidigen. Wenn Chinas Führer nicht gewisse Macht abgeben, werden sie Selbstmord verüben. Sie können nur überleben, wenn sie bereit sind, etwas abzugeben. Dann werden sie nicht jemand sein, der kontrolliert, sondern verhandelt und kooperiert.

Frage: Würden Sie gerne Ihre Ausstellung in Berlin besuchen?
Antwort: Als Künstler ist es gut und manchmal notwendig, vor Ort zu sein - um zu erklären, sich auszutauschen und selbst zu lernen. Aber die Möglichkeiten im Leben sind beschränkt, zumindest in meinem Leben. Ich bin das gewohnt. Mein Vater (der Dichter Ai Qing) durfte 20 Jahre nicht schreiben. Als Poet durfte er seinen Stift nicht benutzen. Also meine Lage könnte schlimmer sein. Ich weiß die Möglichkeiten zu schätzen. Ich kann noch künstlerisch arbeiten.

Frage: Was ist Ihr liebstes Kunstwerk in der Ausstellung?
Antwort: Mein Lieblingsstück ist die Tatsache, dass ich nicht an der Ausstellung teilnehmen darf. Das ist ein Kunstwerk an sich. Es spiegelt eine menschliche Verfassung wider. Wie viele Ausstellungen gibt es in dieser Welt, bei der der ausstellende Künstler nicht dabei sein kann, weil es ihm nicht erlaubt wird?