Stendal l Wie es dazu kam, dass TdA-Schauspieler Jan Kittmann buchstäblich seinen Kopf verlor, ist schnell erzählt: Im Stück "Macbeth" musste er sich köpfen lassen. Nein, nicht in Wirklichkeit, der abgetrennte Kopf ist natürlich aus Gips. Der echte Kittmann widmet sich mittlerweile anderen Rollen und hat das traumatische Erlebnis hoffentlich überwunden.

Verantwortlich für kopflose, perfekt geschminkte oder komplett verwandelte Schauspieler sind Jaclin Kaufmann-Hochmuth und Jens Hochmuth. Beide sind Maskenbildner und bereiten die Schauspieler des Stendaler Theaters auf ihre Rollen vor, zumindest optisch. "Wir schminken die Schauspieler, fertigen ihre Perücken und Bärte an. Wir stellen auch Gesichtsteile her wie Nasen, Augen oder eben auch Wunden. Die Kunst dabei ist, aus wenig viel zu machen. Das bereitet uns manchmal Kopfzerbrechen", erzählt die 50-Jährige weiter. Sie spielt damit nicht auf mangelnde Materialien an, sondern vor allem auf finanzielle Engpässe - und damit irgendwie doch auf Materialknappheit.

Maskenbilder zieht\\\'s in den Baumarkt

Jedes Stück habe seinen eigenen Etat, erklärt Jaclin Kaufmann-Hochmuth, damit müsse man auskommen. Das Problem: Jedes Stück habe auch eine andere Anzahl von mitwirkenden Schauspielern. Das sei die eigentliche Herausforderung.

"Um eine Perücke herzustellen, muss man jedes Kunsthaar einzeln auf die Tüllvorlage knüpfen. Wenn das zu viele Schauspieler sind, geht das zeitlich nicht", erzählt Jens Hochmuth. Dann werden die benötigten Artikel bestellt. "Am besten wird man im Baumarkt fündig. Da gibt\\\'s alles zum Schrauben, Bohren, Drehen, Nageln. Genau, was wir brauchen, und eben nicht so teuer. Und ansonsten müssen wir eben kreativ sein und mit dem arbeiten, was wir haben."

Er zeigt eine grüne Maske mit einem Riesenmund. "Der Auftrag war, eine Maske zum Überziehen herzustellen. Sie sollte eine Mischung aus Domina, Heuschrecke und einer Beate-Uhse-Puppe sein. "Den Mund habe ich aus einem Zopfgummi hergestellt, die grüne Maske ist das Bein einer Strumpfhose, die Augen sind aus grobem Tüll", sagt Jens Hochmuth. Und seine Frau ergänzt: "Unsere Werkstatt ist mittlerweile ein richtiges Warenlager. Wir schmeißen so gut wie nichts weg, weil wir nicht wissen, ob wir es nicht irgendwann mal wieder verwenden können. Aus einer alten Konservendose, einem Suppensieb und einem DDR-Mopedhelm haben wir zum Beispiel eine Robotermaske hergestellt. Es geht alles", erzählt Jaclin Kaufmann-Hochmuth.

Verwandlung zum Mann mit zwei Gesichtern

Apropos Ehemann: Wie funktioniert das eigentlich, dass die Hochmuths nicht nur ihr privates, sondern auch ihr berufliches Leben teilen? Bleibt da nicht eines von beiden auf der Strecke? "Eigentlich nicht", sagen beide fast gleichzeitig. "Wir arbeiten nicht so oft an denselben Dingen. Daher kommen wir uns nicht ins Gehege", erzählt Jaclin Kaufmann-Hochmuth.

Ihr Mann sei zum Beispiel leidenschaftlicher Bastler und Werkler und habe Freude an allem, was sich dreht, qualmt oder Geräusche macht. Sie selbst widme sich als gelernte Friseurin lieber den schönen Dingen. "Alles, was haarig ist und mit Make-up aufgefrischt werden kann, ist mein Ding", erzählt Kaufmann-Hochmuth.

Wie zum Beweis sitzt gerade der TdA-Schauspieler Andreas Müller (31) vor ihrem Spiegel, um sich von ihr "bearbeiten" zu lassen. Sie wird aus ihm den "Mann mit den zwei Gesichtern" zaubern. "Auf der einen Seite bleibt er männlich, auf der anderen Seite bereiten wir ihn für eine Travestieshow vor", erklärt sie.

Skizzen erleichtern die Maske

"Erst einmal muss ich die dicken Augenbrauen schmaler machen. Das wird aber nicht gezupft, sondern überklebt und überschminkt. Und dann kommt kräftiges Make-up auf sein Gesicht. Knallig bunt und aufgedonnert." Innerhalb kürzester Zeit ist Andreas Müller fertig für seinen großen Auftritt - theoretisch. Praktisch wird er nach dem Gespräch wieder abgeschminkt.

Für die Theaterstücke, bei denen mehrere Künstler gleichzeitig geschminkt und verwandelt werden müssen, bietet Jaclin Kaufmann-Hochmuth im Vorfeld kleine Workshops für ein normales Bühnen-Make-up an, "damit sie sich selbst schminken können. Es muss ja vor dem Auftritt alles schnell gehen. Bei \\\'Frau Luna\\\' zum Beispiel, da mussten alle ihre Gesichter blau haben."

Woher wissen denn nun aber die Maskenbildner, wie sich die Regisseure ihre Darsteller vorstellen? Immerhin müssen diese ja nach Drehbuch verwandelt werden. "Wir bekommen sogenannte Figurinen. Das sind Skizzen, in denen aufgemalt ist, wie die Darsteller später aussehen sollen. Wir versuchen das dann umzusetzen", erklärt Jens Hochmuth.

Übrigens: Der aufgespießte Kopf von Jan Kittmann, der mitten in der Werkstatt steht, stört die Hochmuths nicht. "Aber von den Reinigungskräften kriegen wir manchmal zu hören, dass wir ihnen einen gehörigen Schrecken eingejagt haben", erzählt Jaclin Kaufmann-Hochmuth. "Aber dann haben wir doch unseren Job gut gemacht."

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