Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts

1913 wurde "Le Sacre du Printemps" in Paris uraufgeführt - und entwickelte sich zum Skandal.

Zur Musik von Igor Strawinsky choreografierte der Ballett-Tänzer Vaclav Nijnsky ein heidnisches Ritual, das nichts mehr mit dem klassischen Ballett gemein hatte: Stampfen und Hüpfen statt Schwerelosikgeit, eingedreht Füße und verdrehte Hände statt korrekter Linien und bunte Kostüme statt Tutus.

Das Publikum reagierte geschockt. Statt schöner Melodien bekam es Rhythmus, und den nicht einmal zum Mitklatschen. Strawinsky irritierte und verstörte mit ständigen Taktwechseln.

Gonzalo Galguera hat sich ein unbequemes Werk vorgenommen: "Le Sacre du Printemps". Für das Stück, das wegen seiner schnellen Musik als untanzbar galt, gehen die Tänzer an ihre körperlichen Grenzen.

Magdeburg l "Ich bin hochgradig aggressiv", sagt Gonzalo Galguera, Ballettdirektor des Magdeburger Theaters, am Ende der Probe für das Ballett "Le Sacre du Prin- temps". Er muss erst einmal tief durchatmen,um sich zu beruhigen. Was ist passiert? Haben sich die Tänzer nicht an die Choreographie gehalten? Passieren noch zu viele Fehler? Am 12. April ist schon Premiere, eigentlich müsste alles sitzen.

"Das tut es auch, bis auf ein paar Kleinigkeiten", erklärt Galguera. Seine aggressive Stimmung käme zwar von den nervenzerreibenden Proben, denn "die Sacre-Choreographie macht aggressiv. Das liegt an der Musik, an dem Tanz und der Expressivität, die der Sacre mit sich bringt." Er holt noch einmal Luft, trinkt noch einen Schluck. "So, jetzt geht es wieder."

"Es ist ein Stück über Leben und Tod."
Gonzalo Galguera, Ballettdirketor und Choreograf am Theater Magdeburg

Der Sacre, sagt er, sei eines der schwierigsten und polarisierensten Ballettstücke überhaupt. Die Musik beginne wie andere Ballette auch, "langsam, zart, unschuldig", erklärt Galguera. "Es ist Frühlingsbeginn. Der Anbruch einer neuen Zeit. Da ist die Welt noch in Ordnung - und die Musik auch."

Doch die Zeiten bleiben nicht lange schön. Um den Frühling zu feiern, muss gemäß einer alten, russischen Tradition dem Sonnengott ein Mädchen geopfert werden. Das Opfer tanzt anfangs noch mit den anderen zum neuen Jahreszeitenbeginn - bis es begreift, dass es dem Tode geweiht ist. "Jetzt wird die Musik heftiger, schneller, lauter. Die Tänze werden repressiver. Im Gegensatz zum klassischen Ballett wird mit den Füßen gestampft und die Bewegungen der Tänzer sind schnell und zackig. Es zeigt den Kampf des Mädchens gegen den Tod. Aber es hat keine Chance. Es ist ein Stück über Leben und Tod."

Dem Tode nahe dürfte sich Anastasia Gavrilenkova, das potenzielle "Opfer", schon bei den Proben gefühlt haben. "Jeder Muskel ist angespannt. Dieser Tanz ist auch für uns sehr ungewöhnlich. Das klassische Ballett ist ruhiger und graziöser. Aber beim Sacre muss alles zack, zack gehen."

"Jeder Muskel ist angespannt."
Anastasia Gavrilenkova, Tänzerin, hat im Stück die Opferrolle

Auch Tänzerin Lou Beyne, die Zweitbesetzung für die Opferrolle, ringt um Atem. "Diese ungeheure Schnelligkeit der Musik, nach der wir tanzen müssen, ist für jeden Tänzer eine Herausforderung. Es ist unglaublich anstrengend. "

Dennoch, darüber sind sich die Tänzerinnen und Gonzalo Galguera einig, ist "Le Sacre du Printemps" eines der "interessantesten Stücke überhaupt", sagt Lou Beyne. "Wir haben viele Möglichkeiten, eigene Bewegungen mit einzubringen. Das geht bei klassischen Balletten nicht." Auch Anastasia, die immer noch um Atem ringt, liebt den Sacre, "weil er wunderbar in unsere Zeit passt".

Für Galguera ist mit der Umsetzung des "Sacre du Printemps" ein Traum in Erfüllung gegangen, auch wenn die aufwendige Choreografie ihn "hochgradig angespannt" macht. Aber: "Es ist eines dieser Stücke, bei denen man denkt: Eines Tages mache ich das. Das Einstudieren war der Wahnsinn. Das umzusetzen ist schon wie ein Doktortitel für den Choreografen."

Die Premiere von "Le Sacre du Printemps" findet am 12. April 2014 im Opernhaus Magdeburg statt. Beginn ist 19:30 Uhr, Karten gibt es unter: 0391/5406555.