Magdeburg l Minus zehn Grad waren bei den Dreharbeiten vor fast genau einem Jahr keine Seltenheit. David Emig kann sich an die Eiseskälte noch sehr gut erinnern, war er in seiner Rolle als Pizzafahrer Rainer doch ständig mit dem Moped unterwegs. Rainer ist ein typischer Wendeverlierer. Ohne Job und Freundin in seinem thüringischen Heimatort Steinach hängengeblieben, pflegt er seine bettlägerige Mutter und lebt von Stütze und Gelegenheitsjobs. Er fühlt sich festgenagelt in dem Kaff, Frust und Demütigungen sammeln sich Tropfen für Tropfen in ihm, bis er beschließt, ein Zeichen zu setzen und mit einer selbst gebauten Bombe nach Berlin zu fahren. Am Brandenburger Tor will er sie zünden. Auf der Fahrt dorthin begegnet er seiner eigenen Geschichte, seinem Vater, einem ehemaligen Parteifunktionär, seiner ersten Jugendliebe, einem ehemaligen Mitschüler, der Karriere in der NPD macht, und vielen anderen.

Obwohl die Geschichte konkret im Osten verortet ist, beinhaltet sie für David Emig eine große Allgemeingültigkeit. "Rainer ist jemand, der seinen Halt verloren hat, in dem es brodelt, der aber einfach nicht verstehen kann, dass um ihn herum die Zeit weitergegangen ist."

Stehen geblieben ist die Zeit auf den ersten Blick auch in Rainers Heimat Steinach, einem 4000-Seelen-Ort, der mit seinen dunkelgrauen schieferverkleideten Häusern märchenhaft, aber eben auch zeitvergessen wirkt. Für surreale Momente sorgt auch die achtjährige Fee Schnittker, die als leibhaftiger Schutzengel Rainers immer dann auftaucht, wenn er Gewissensentscheidungen treffen muss.

Im Magdeburger Theater rettet er gerade polnische Untergrundkämpfer

David Emig mag diese ambivalenten Typen. Davon kann man sich noch bis Spielzeitende im Magdeburger Schauspielhaus überzeugen. Als überaus eitler Hamletdarsteller Josef Tura rettet er mit seiner Theatertruppe in "Noch ist Polen nicht verloren" polnische Untergrundkämpfer vor den Nazis. Die Rolle des volltrunkenen Gunnar in "Adams Äpfel" brachte ihm die Zuschauerfrage ein, ob er tatsächlich ein Alkoholproblem habe, als verbitterter Rollstuhlfahrer Geirr in "Die Kunst des negativen Denkens" verbindet er schließlich schwarzhumorige Galligkeit mit einer großen Traurigkeit.

Für die Geschichte von Rainer konnte das Schauhauskollektiv, eine privat finanzierte Produktionsgesellschaft für Film und Theater, zahlreiche namhafte Schauspieler gewinnen, darunter Walfriede Schmidt, Franziska Troegner, Pierre Sanoussi-Bliss, Florian Martens, Harald Schrott, Winnie Böwe und Pascal von Wroblewsky.

Gedreht wurde der Film von Matthias Kubusch und Robert von Wroblewsky in nur 23 Tagen, unter anderem in Weimar, Apolda, Jena, Naumburg, Cottbus, auf der Landstraße zwischen Magdeburg und Rogätz und - wie David Emig grinsend eingesteht - illegal auf der Stadtautobahn. Teile des Drehs arteten richtig in Stress aus, vor allem dann, wenn das Team morgens ab 6 Uhr in Thüringen zu drehen begann, damit Emig abends pünktlich zur Vorstellung zurück in Magdeburg sein konnte. Über die Möglichkeit, im Film mitzuspielen, ist David Emig Schauspieldirektor Jan Jochymski besonders dankbar. "Das ist keine Selbstverständlichkeit, solche Freiräume zu bekommen."

Am 23. April, 20 Uhr, feiert "Der Tropfen" mit Hauptdarsteller und Regisseuren seine Magdeburger Premiere im Moritzhof. Weitere Vorstellungen: April/Mai.

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