Magdeburg l Zwischen 1755 und 1763 war der preußische Offizier Friedrich Freiherr von der Trenck in Magdeburg inhaftiert. In dieser Zeit machte Trenck Notizen in eine Bibel - mit Blut. Volksstimme-Mitarbeiterin Uta Baier sprach mit Werner Vogel, der eine neue Edition dieser "Blutbibel" herausgegeben hat.

Volksstimme: Hat Friedrich Freiherr von der Trenck wirklich mit seinem eigenen Blut geschrieben?

Werner Vogel
: Ich habe diese besondere Tinte bereits 1975 untersuchen lassen. Das Ergebnis war eindeutig: Es ist menschliches Blut. Ob es das Blut des Freiherrn ist, konnte damals durch DNA-Vergleich noch nicht nachgewiesen werden. Der Beweis steht bis heute aus.

Volksstimme: Wie machte er das?

Vogel: Er ritzte sich die Arme auf und schrieb mit den Zähnen eines Kammes als Feder.

Volksstimme: Wie waren die Haftbedingungen in Magdeburg?

Vogel: Erst war von der Trenck in der Festung Magdeburg untergebracht, nach einem Fluchtversuch kam er in die Sternschanze. Dort hatte man ihm ein speziell gesichertes "Behältnis" mit 1,20 Meter dicken Wänden eingerichtet. Durch ein kleines Fenster fiel im Winter gar kein Licht, zu anderen Jahreszeiten ein wenig Licht. Trotzdem schaffte er es, auf die leeren Blätter (Durchschuss genannt) von acht oder neun gedruckten Bibeln seine Lebenserinnerungen, Gedichte und Kommentare zu den Bibeltexten zu schreiben.

Volksstimme: Ist Ihr Buch die erste Edition einer "Blutbibel"?

Vogel: Die erste ist 1925 in Dresden veröffentlicht worden, doch die Handschrift ist im Krieg verlorengegangen.

Volksstimme: Was war das für ein Mensch, der so lange in Haft saß, später eine Familie gründete, nach Frankreich ging und 1794 als Spion während der Französischen Revolution mit der Guillotine hingerichtet wurde?

Vogel: Er war ein sehr lebenslustiger Mensch und gesundheitlich sehr fit, sonst hätte er die Haft nicht überstanden. Er war gebildet, sprach französisch, italienisch und Latein. Ein besonders moralischer Mensch war er allerdings nicht. Nach der Haft heiratete er die Tochter des Bürgermeisters von Aachen, was ihn nicht davon abhielt, sich in Frankreich eine Freundin zu suchen, mit der er mehrere außereheliche Kinder hatte.

Volksstimme: Ihm wird auch eine Beziehung zu Amalia, einer Schwester des preußischen Königs Friedrich des Großen, nachgesagt? Was sagt er selbst dazu?

Vogel: In seinen Schriften ist davon nichts zu lesen. Er verehrte Amalia sehr.

Volksstimme: Freiher von der Trenck saß zwischen 1755 und 1763, also acht Jahre, in der Sternschanze in Magdeburg in Einzelhaft. Hat ihm das Schreiben das Überleben ermöglicht?

Vogel: Das würde ich nicht sagen. Er konnte - nach eigenen Aussagen - mit dem Schreiben erst 1760 beginnen, als der Erbprinz von Hessen-Kassel Vizegouverneur in Magdeburg wurde. Der verschaffte ihm Hafterleichterungen - allerdings gab der Erbprinz das Amt ein Jahr später schon wieder auf.

Volksstimme: Dann müsste von der Trenck alles in einem Jahr geschrieben haben?

Vogel: Wenn seine Schilderungen stimmen, dann ja. Aber das weiß man nicht so genau. Wahrscheinlich übertreibt er doch ein wenig und bekam nach und nach immer mehr Hafterleichterungen. Anfangs beschreibt er seine Haftbedingungen so: "Mir selbst blieb keine andere Bewegung übrig, als auf der Stelle, wo ich angeschmiedet war, zu springen oder den oberen Leib so lange zu schütteln, bis ich warm wurde."

Volksstimme: Was hat Sie beim Lesen der Handschriften am meisten überrascht?

Vogel: Das unglaublich feine, schöne Schriftbild. An eine Wand angekettet hat er das jedenfalls nicht geschrieben.