Die nächste Vorstellung gibt es am 27. April um 17 Uhr.

Dessau-Roßlau l Das Gerücht geht schnell um und eine ganze Stadt steht kopf. Das "geordnete Leben", geprägt von Korruption, Lügen und Nichtstun, droht empfindlich gestört zu werden. Denn ein Revisor ist avisiert. Und - so die Information - er werde inkognito kommen. Dann noch die alle total nervös machende Vermutung, dass er sogar schon da sei.

Nach Nikolai Gogols Komödie "Der Revisor" aus dem Jahre 1836 schuf Tomasz Kajdanski, Ballettdirektor des Anhaltischen Theaters Dessau, ein gleichnamiges Ballett, das am Sonnabend vor gut 400 Gästen im Großen Haus eine bejubelte Uraufführung erlebte. Die Bühne war mit drei stilisierten Birken und durchsichtigen, öfter bewegten Hausfassaden gestaltet. Zwar ist das Original mehr russisch verortet, jedoch lässt Dorin Gal, der für die Ausstattung zuständig ist, deutlich mehr Abstraktion bei der Bühnengestaltung zu.

Im nebulösen Halbdunkel der Bühne tanzt eine Gruppe, an Mantel und Aktenkoffer gut auszumachender, Revisoren. Vorausahnende bedrohliche Visionen? Kajdanski bleibt, auch vom Zuschauer nachvollziehbar, an der originalen Geschichte, will sie aber als aktuelles, menschliches, nicht vordringlich ortsbezogenes Thema darstellen.

Er richtet den Fokus insbesondere auf Typen, auf Charaktere, die die Dessauer Tänzer in einer faszinierenden Verknüpfung von bewegungsreichem Ausdruckstanz, unaufdringlich mit klassischen Elementen gepaart, und starker schauspielerischer Präsenz in den gut 70 Minuten präsentieren. Filmmusik von Alfred Schnittke und Kompositionen von Gundolf Nandico und Billy May potenzieren die komödiantischen Aussagen.

Großflächige Hintergrundvideos von Enrico Mazzi bringen Farbe und Bewegung ins Spiel. Die Kostüme sind realistisch und zeitlos fantasiereich.

Chlestakow, zufällig in die Stadt gekommen und fälschlicherweise als Revisor verkannt, wird von Joe Monaghan bewundernswert lebensnah und mit vielen Facetten dargestellt. Eindrucksvoll etwa die Suff-Szene. Er trifft auf eine Reihe skurriler Figuren, den überdrehten Postmeister (Enea Bakiu), den nervösen Richter (Jonathan Augerau) und den depressiven Chefarzt (Joshua Swain) sowie zwei recht undurchsichtige Gutsbesitzer (Yannick Neuffer, Sokol Bida). Die Zuschauer erleben ein farbiges Konglomerat aus Verwechslungs- und Gesellschaftskomödie, Satire und Ironie.

Das gesellschaftliche Machtzentrum stellt der Bürgermeister dar, der von Juan Pablo Lastras-Sanchez ein vielfältig taktierendes Profil erhält. Optisches Zentrum ist ein rotes Sofa, auf dem sich dessen Frau (Anna-Maria Tasarz) und Tochter (Charline Debons) zunächst langweilen. Doch sie laufen zu "großer Form" auf und prostituieren sich, mit viel tänzerischer Erotik um den Ankömmling rivalisierend. Als die Hochzeit des vermeintlichen Revisors und der Bürgermeistertochter "droht", zieht Chlestakow die "Reißleine", greift Koffer sowie Mantel und verschwindet. Nun ist wieder Ruhe in der Stadt. "Dolce Vita", so wie bisher, ist wieder angesagt. Doch die Zukunft verheißt erneut Drohendes: Ein kleiner Junge mit einem übergroßen Rotstift mahnt.