Der Erste Weltkrieg wird für den Magdeburger Schriftsteller Erich Weinert zum Wendepunkt. Wie andere seiner Generation kehrt er als Kriegsgegner wieder, wird Kommunist, später zur sozialistischen Ikone. In seinem Geburtshaus ist heute das Literaturhaus ansässig.

Magdeburg l Der Erste Weltkrieg gehört nicht zu den Ereignissen, die man sofort mit dem Namen Erich Weinert verbindet. Wenn schon Krieg, dann denkt man an den Zweiten Weltkrieg inklusive Exil im berüchtigten "Hotel Lux" in Moskau, Flugblätter über Stalingrad oder den Spanischen Bürgerkrieg. Im Gedächtnis geblieben ist der am 4. August 1890 in Magdeburg geborene Sohn eines Maschinenbauingenieurs, wenn überhaupt, als Ikone der DDR-Literatur. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehört er als "Antimilitarist" und "Antifaschist" zu den "revolutionären" Schriftstellern der ersten Generation, als Vizepräsident der Zentralverwaltung für Volksbildung kommt er zu Amt und Würden. Nach seinem frühen Tod am 20. April 1953 wird in und mit seinem Namen Kult betrieben: Weinert-Medaille, Weinert-Ensemble, Weinert-Straßen.

Noch heute ist in der Thiemstraße 7 in Buckau Weinerts original eingerichtetes (1961 posthum aus Berlin abtransportiertes) Arbeitszimmer zu besichtigen. Während vor 1989 ein Besuch zum Pflichtprogramm für Schulen und Betriebe gehörte, wird der Raum heute nur selten aufgeschlossen.

Seit dem 100. Geburtstag 1990 ist ein im vorigen Jahr begonnenes Dissertationsprojekt an der Otto-von-Guericke-Universität der erste Versuch, das Thema neu aufzugreifen. So kann es nicht wundern, dass sich die Leiterin des Magdeburger Literaturhauses Gisela Zander, "einen neuen, differenzierten Blick" wünscht. Der 100. Jahrestag des Ersten Weltkrieges scheint ihr ein geeigneter Anlass zu sein, im Herbst erscheint ein Beitrag in einem Sammelband zum Thema "Magdeburg und der Erste Weltkrieg".

Einerseits hat Gisela Zander allerhand Material vorzuweisen: Militärpass, Feldpost, originale Briefe Weinerts aus dem Lazarett geben Auskunft über einen jungen Mann, der nicht ins Klischee passt. Als Weinert ab 1914 den Krieg als Vizefeldwebel mitmacht, ist er noch überzeugt, dass Deutschland einen "gerechten Verteidigungskrieg" führt. In einem Brief vom 23. Februar 1915 an die junge Frau seines Freundes Fritz Günther schreibt der im Krankenstand befindliche Weinert, dass er sich wünscht weiterzukämpfen, auch wenn er von "Greueln" berichtet: "Man muss all seine geistigen Kräfte zusammenraffen, um nicht die Geduld bei der mühsamen Arbeit des Vaterlandes zu verlieren."

Der Erste Weltkrieg wird für Weinert wie für viele andere zum Wendepunkt: Der gelernte Maschinenbauer und studierte Zeichenlehrer wechselt sogar den Beruf. Geschrieben hatte er zwar schon zuvor: "Mit sieben Jahren versuchte er zu dichten, was ich unerhört schön fand", erinnert sich seine Schwester Anni. Doch jetzt geht es um Gesellschaftsveränderung.

Zunächst noch in Magdeburg, ab 1921 in Leipzig, dann in Berlin findet Weinert als "Sprechdichter" mit eigener Performance zu einer eindringlichen Ausdrucksform, den sogenannten Weinert-Abenden, mit denen er tatsächlich Massen bewegen kann, etwa im Berliner Sportpalast. "Ich hatte die literarische Gabe das Lächerliche so zur Schau zu stellen dass es tödlich wirkte", so Weinert selbst.

Ein lebensgroßes Foto im Literaturhaus spricht noch heute von der Tatkraft dieses Mannes. Ab 1931 sind seine Aufführungen verboten, er wird wegen seiner Gedichte mehrfach verklagt. "Leider sind viele Texte aus dieser Zeit verloren", sagt Gisela Zander, die Weinerts bleibende literarische Leistungen vor allem in den 20er Jahren ansiedelt. Auch sein Briefwechsel harrt noch der Aufarbeitung.