Eine Straße im ehemaligen Magdeburger Arbeiterbezirk Buckau ist dabei, sich in eine sehenswerte Künstlerkolonie zu verwandeln. Früher gab es in der Klosterbergestraße jede Menge Leerstand und Verfall. Inzwischen scheint die Wende zur Aufwertung des Karrees eingetreten zu sein.

Magdeburg. Er steht in der Tür seines Ateliers an der Klosterbergestraße Ecke Basedowstraße in Magdeburg-Buckau. Lässig steckt Sebastian Noe die Hände in die Hosentaschen seiner olivgrünen Kapuzenjacke, die gut zu den Lederschuhen und der russischen Fellmütze passt. Er grinst: "Ich bin ein Alleskönnenwoller." Sebastian Noe, Künstler, nennt sich auch "Produktdesigner". Sein Atelier, die "Guru Lounge", steht und hängt voll mit Gegenständen: Motivcollagen, Schablonenkunst und abstrakte Malerei, selbst gefertigte Sitzgelegenheiten, allerlei Lampen und eigentümliche Skulpturen.

Letztere sind etwas Besonderes. Noe bezeichnet sie als "Buckaunauten". Das sind Skulpturen, die er aus vermeintlichem Müll modelliert. Er verwendet Verpackungsmaterial, Werkzeuge, Textilien und Elektroschrott. "Es gibt keinen Müll", sagt der junge Künstler dazu. Da ist zum Beispiel ein Buckaunaut, dem ein Lampenschirm als Körper, eine Duschbrause als Hals und ein Kameraobjektiv als Kopf dienen. Die Beine des Buckaunauten hat der Künstler aus drei Deckenstrahlern gefertigt. Schließlich gab Sebastian seiner Figur den Namen "Bendor".

Charakter der Anwohner

Dass der junge Mann den Buckaunauten Namen gibt, liegt auch daran, dass er sich bei der Gestaltung seiner Skulpturen von den Charakteren der Anwohner inspirieren lässt: Die Menschen sollen sich in den Buckaunauten widerspiegeln.

Wegen eines Studienprojektes der Fachhochschule Magdeburg-Stendal kam Sebastian zum ersten Mal in die Klosterbergestraße. Dort fand er vor, wonach er suchte: jede Menge herrenloses Material und Gestaltungsraum. Die Räumlichkeiten der heutigen "Guru Lounge" gefielen ihm so gut, dass er sich dort im Juni 2009 einmietete. Die Lounge ist seither Sebastians Wohn– und Schaf- fensort. Hier fühlt er sich wohl und mit der ganzen Gegend verbunden. "Ich arbeite gerne auch vor meinem Atelier auf der Straße", sagt Sebastian, so zeigt er sich den Menschen. Manche Anwohner bringen ihm sogar Material vorbei. "Die Klosterbergestraße ist mein Kiez, mein Viertel. Hier kann ich an vielen Türen klingeln und habe das Gefühl, erwünscht zu sein", sagt er.

Dass Sebastian mit seiner Kunst die gesamte Klosterbergestraße einnimmt, stößt jedoch auch vielen Anwohnern auf. "Es geht nicht, dass nach einer Veranstaltung noch tagelang irgendwelche Lampions an den Straßenlaternen hängen", erregt sich ein Anwohner, der in der Klosterbergestraße wohnt. Die Kunstfeste seien ja in Ordnung, aber danach müsse "zurückgebaut werden". Denn wer die Zeit habe, die Sachen aufzuhängen, der habe auch die Zeit, sie auch wieder abzuhängen. "Es ist nun mal eine historische Straße. Die darf man nicht zu sehr verändern."

Die Klosterbergestraße ist nur ein Teil des Klosterbergekarrees, welches außerdem die Basedowstraße, die Porsestraße und die Coquistraße umfasst. Noch nach der Wende gab das Klosterbergekarree ein eher trauriges Bild ab. Die historischen Gründerzeit- und Rayonhäuser waren seit Jahren nicht mehr saniert worden.

Die Eigentümer wollten jedoch nicht tatenlos bleiben und die denkmalgeschützten Gebäude dem Verfall preisgeben. Um Probleme rund um die Erneuerung des Viertels gemeinsam besprechen zu können, nutzten sie den Eigentümerverein Haus & Grund Magdeburg e.V. als Plattform. Haus & Grund erkannte die Gelegenheit, die kommerziellen Interessen der Eigentümer mit den Wünschen junger Künstler zu verbinden: Eine Idee wurde gemeinsam mit den Eigentümern entwickelt.

Die Künstler mussten zunächst keine Miete für die Gewerbeflächen bezahlen, so dass sich nach und nach Ateliers, Galerien und kleine Läden ansiedelten. Mit diesem Konzept der privaten Initiative bewarb sich Haus & Grund bei einem bundesweiten Wettbewerb für experimentellen Städtebau und überzeugte die Jury: Das Klosterbergekarree ist heute eines von 16 Projekten, die deutschlandweit gefördert werden. Das vormals heruntergekommene Viertel wurde auch deshalb rasch wiederbelebt und zog immer mehr Besucher sowie neue Mieter an.

"Alle sind heiß auf die Läden hier in der Straße", sagt die 26-jährige Susanne Klaus. Die studierte Modedesignerin aus Haldensleben hat eine der letzten Gewerbeflächen ergattert. Ihr kleiner Laden in der Klosterbergestraße, in dem sie handgefertigte Kleidung für Frauen anbietet, lädt auf Anhieb zum Verweilen ein. An den Kleiderständern hängen farbige Oberteile, Jacken und Röcke aus Wolle, Seide und Filz.

Auf den Regalen und ihrer antiken Kommode präsentiert sie außerdem außergewöhnlichen Schmuck, Mützen, Schals und dazu passende Stulpen. Malereien eines befreundeten Künstlers schmücken die Wand neben der kleinen Umkleidekabine. Gegenüber dem eleganten Ledersofa lehnt sich Susanne entspannt an ihren Arbeitstisch. "Ökomode bedeutet für viele Frauen auch heute noch, ein unförmiges Zelt zu tragen", schmunzelt sie. Damit meint sie, dass viele Menschen bei den Worten "ökologisch" und "handgemacht" an grob geschnittene, kratzige Kleidung aus Wolle denken. Susanne jedoch beweist das Gegenteil: "Mit natürlichen Woll- und Leinenstoffen, kann ich bequeme Mode anfertigen, die trotzdem die Schönheit des weiblichen Körpers betont", sagt sie überzeugt. Sie selbst ist der lebende Beweis. Sie trägt ein hell-grünes Filzoberteil aus ihrer Kollektion und eine graue Hose, die sie sich selbst an den Körper geschneidert hat.

Der Leidenschaft gefolgt

Die Kunsthandwerkerin scheint zufrieden damit, ihrer Leidenschaft letzten Endes gefolgt zu sein. Früher fürchtete sie sich davor, auf Knopfdruck kreativ sein zu müssen. Deshalb wollte sie ursprünglich nicht Modedesignerin, sondern Bankkauffrau werden. Auf die Frage, ob sie von ihrem Handwerk leben kann, antwortet sie: "Es ist ein tierisch harter Job, doch verhungert bin ich noch nicht." Wie ihre Zukunft aussehen soll, weiß Susanne noch nicht genau. "Ich muss erst mal richtig in meinem neuen Leben als Unternehmerin ankommen", sagt sie.

Auch Sebastian Noe, der "Buckaunauten"-Erfinder, ist jetzt gezwungen, unternehmerisch zu denken. Das Klosterbergekarree hat sich zu einem kreativen Kiez entwickelt. Die Folge: Es gibt mehr Interessenten als Gewerbeflächen, und die Eigentümer wollen nun auch ihren Anteil am Aufschwung des Viertels bekommen – die Mieten werden zwangsläufig steigen. Doch Sebastian kann die geplante Mieterhöhung nicht alleine schultern. "Wenn mir niemand finanziell unter die Arme greift, muss ich ausziehen", sagt er besorgt. Das Fortbestehen des jungen Künstlerviertels hängt auch davon ab, ob die Eigentümer den Künstlern eine realistische Chance geben, die Mieten dauerhaft bezahlen zu können.

Bisher hat sich die Kooperation von Künstlern, Anwohnern und Hauseigentümern jedoch als erfolgreich herausgestellt. Das Karree ist deutlich freundlicher und sauberer geworden und es finden regelmäßig Kulturfeste und verschiedene künstlerische Workshops statt. Auch das gestiegene Interesse der Bevölkerung am Klosterbergekarree lässt hoffen.

Die positive Stimmung wird also vorerst bleiben – die Künstler hoffentlich auch.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines von den Volksstimme-Redakteuren Philipp Hoffmann und Oliver Schlicht begleiteten Germanistik-Seminars an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.