Magdeburg l Es war am Sonnabend die letzte Premiere dieser Spielzeit am Magdeburger Theater unter der Ägide des scheidenden Schauspieldirektors Jan Jochymski. Ob er mit der Wahl von "Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends" von "PeterLicht" eine Botschaft verpackt hat, bleibt sein Geheimnis.

Der Künstler mit dem Pseudonym "PeterLicht" ist ein durchaus sprachgewaltiges Mysterium. Er lässt sich so gut wie nie interviewen. Allerdings weiß man, dass er Kölner ist, durchaus hörenswerte Musik macht und vermutlich Meinhard Jungblut heißt. Aber auch das könnte ein Pseudonym sein.

"Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends" war ursprünglich kein Theaterstück, sondern ein Text, der später als Grundlage für "Räume Räumen" diente. Diesen Text zu inszenieren, bietet einerseits ungeheure Freiheiten, ist aber gleichzeitig eine enorme Herausforderung, die virtuosen sprachlichen Dekadenzen in Bilder umzusetzen. Carlotta von Haebler als Regisseurin nahm zusammen mit Dramaturg Dag Kemser diese Herausforderung an, und beide bewältigten die Mammutaufgabe bewundernswert.

Ein Namenloser zieht Bilanz

Das Zweipersonenstück, gespielt von Andreas Guglielmetti und Michael Ruchter, lebt von der unbändigen Kraft des Ausdrucks der Schauspieler, die sich im Spiel physisch völlig verausgaben und gleichzeitig die hohe Kunst ihrer Profession unter Beweis stellen. Sie sind, ganz im Sinne von "PeterLicht", eins und dennoch beständig im Widerspruch mit sich selbst.

Der Mensch, der hier Bilanz über sein Leben zieht, hat keinen Namen, aber es geht ihm eigentlich gut. Eigentlich. Im Text wird beinahe genüsslich und durchaus mit sarkastischem Humor seziert, wie sehr dieses "Eigentlich" eigentlich vom Blickwinkel abhängt. Eigentlich gut kann genauso eigentlich schlecht sein. Dieser Mensch ohne Namen geht alle seine Lebensbereiche durch.

Alles fließt, alles ist in Bewegung

Vom Geld, das durchaus fließt, aber nur, um die Negativsalden der Schulden zu mindern, von der Liebe, einem Gefühl, dem nicht zu trauen ist, der Couch, die ein gutes Stück ist, dank ihrer dann zum Vorschein kommenden Mängel doch nicht dazu taugt, zur Ruhe zu kommen. Stattdessen verursacht sie diesen apokalyptischen Strudel, in dem im faustischen Sinn alles untergeht.

Die Inszenierung hält sich strikt an den Wortlaut des Textes. Sie greift mit der Umsetzung in Bilder genau die Ungewissheit auf, in die "PeterLicht" seine Zuhörer entlässt. Nichts ist sicher, panta rhei - alles fließt, ist in Bewegung. Die Ruhe, die wir alle suchen, um zu sagen, dass es uns gut geht, ist nur der Zeitraum bis zu den "nächsten Einschlägen", die aber erst "zum Nachmittag" erwartet werden. Richtige Ruhe gibt es nur im Auge des Hurrikans.

"Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends" verlangt nicht nur sehr viel von den Schauspielern, sondern zwingt auch den Zuschauer, sich auf die nicht immer bequemen Sprachbilder einzulassen. Leichte Kost ist das wahrlich nicht, aber es verhilft in der Auseinandersetzung zum Erkenntnisgewinn.

Kann man von einem Theaterstück mehr verlangen?