Stendal l Kurz vor der Vorstellung hat Theaterschauspielerin Anglika Hofstetter festgestellt, dass ihr Kleid zerrissen ist. Ein Albtraum. Was tun, wenn die Zeit knapp ist und die Zuschauer quasi schon im Saal sitzen? Richtig: einmal ganz laut nach Angela Filip und Susanne Prange rufen, das Dilemma schildern und abwarten, denn die beiden Damen sind Profis für solche Fälle. Aus ihrem Notfallkoffer holen die Ankleiderinnen des Theaters der Altmark Nadel und Faden und versuchen zu retten, was zu retten ist. In Sekundenschnelle, denn die Schauspielerin muss gleich wieder auf die Bühne, wird am Kleid gefummelt, geklebt und drapiert, und Angelika Hofstetter kann wieder aufatmen.

Und sollte ein Reißverschluss mal nicht zu retten sein, dann wird das Kleidungsstück, egal ob Hose oder Kleid, kurzerhand zugenäht. "Wer dann noch mal muss, der hat Pech", sagt Angela Filip und muss herzlich lachen. Szenen wie diese kommen ihr bekannt vor, auch wenn sie nicht alltäglich sind. "Es muss dann wenigstens für die Vorstellung halten. Danach wird die Naht wieder aufgetrennt und das Kostüm repariert."

Seit 25 Jahren ist Angela Filip schon Ankleiderin am Theater der Altmark. Vorher war sie in der Verwaltung angestellt, "aber das war mir zu langweilig und zu vorhersehbar", erzählt sie. Sie hatte Glück, dass zu diesem Zeitpunkt die Stelle als Ankleiderin im Stendaler Theater frei geworden war. Sie hat sich vorgestellt und kümmert sich seitdem um die Kostüme der Theaterdarsteller. Susanne Prange ist fast ebenso lange hier wie ihre Kollegin. Seit 1988 wirbelt sie im Kostümfundus des Theaters umher. Die beiden Kolleginnen sind mittlerweile auch Freundinnen geworden, "denn man ist miteinander bald mehr zusammen, als mit der eigenen Familie", erklärt sie.

"Wir müssen immer den Überblick behalten."

Ob Wochentage, Wochenende oder Feiertage - Susanne Prange und Angela Filip sind eigentlich immer auf der Arbeit. Auch bei den Gastspielen in Arendsee sind sie immer dabei. "Da wird´s dann richtig anstrengend", erzählt Angela Filip. "Nachmittags um drei geht`s los, morgens um drei sind wir wieder zurück. Und das vier Tage in der Woche. Wir müssen die Kostüme vorbereiten, diese den Künstlern in der vorgeschriebenen Reihenfolge geben, gegebenenfalls reparieren und vor allem: immer den Überblick behalten. Es passiert schon mal, dass ein Schauspieler von der Bühne kommt und nicht weiß, was als Nächstes drankommt. Dann müssen wir das wissen. Wir müssen 100-prozentig zuverlässig sein."

Bei jedem Stück stehen sie hinter der Bühne. Verschiedene Stühle, je nach Anzahl der Schauspieler, stehen neben ihnen. Darauf ein Stapel Kostüme. Kommt ein Schauspieler bei einem Szenenwechsel von der Bühne, muss er schnellstens umgezogen werden. "In Sekundenschnelle", sagt Angela Filip. "Und dann muss die Kleidung eben so präpariert sein, dass sie unkompliziert anzuziehen ist. Wir arbeiten viel mit Klett- und Reißverschlüssen. Das muss aber schon lange vorher geklärt werden, für welches Stück welche Kleidung gebraucht wird. Sonst können wir nicht arbeiten."

"Es gehören auch oft Schmuckstücke dazu."

Vom Regisseur, dem Ausstattungsleiter und dem Kostümbildner bekommen die Ankleiderinnen gesagt, in welchem Stück welche Rollen vorkommen und was dementsprechend an Kleidungsstücken da sein muss. Daraus erstellen sich die beiden eine Liste. Hergestellt werden die Kostüme in der Näherei, danach kommen sie zu Susanne Prange und Angela Filip in den Kostümfundus. Für alle Vorstellungen reisen die Kostüme den Darstellern sozusagen hinterher.

Wenn Susanne Prange und Angela Filip bei Gastauftritten außerhalb Stendals mal nicht dabei sein können, packen sie die Stücke für die Darsteller zusammen, mit Anmerkungen zu allem, was sie dazu wissen müssen. "Da gehören ja oft auch Schmuckstücke dazu, wie Ohrringe, Ketten oder Hüte", erklärt Susanne Prange. "Die Schauspieler müssen wissen, was zu dem Kostüm gehört und wo das zu finden ist."

Keine Frage, die Ankleiderinnen sind aus dem Theater nicht wegzudenken. Kein Wunder, Menschen mit Überblick sind eben immer gern gesehene Mitarbeiter - nicht nur am Theater.