Magdeburg l So leicht lässt sich eine mittelalterliche Kathedrale wie der Magdeburger Dom nicht auf die Temperaturen einer argentinischen Nacht bringen. Doch je mehr Matias González aus Paris mit "Fracanapa - New Tango Quintet" und seinem Bandoneon in die traurig-schöne musikalische Welt des Tangos eintauchte, desto mehr schienen sich die gotischen Sandsteinbögen diesen emotionalen Ausbrüchen zu öffnen.

Zu Fracanapa gehören neben Matias González international renommierte Spitzenmusiker, wie Pablo Woizinski am Klavier, Susanne Hofmann, Violine, Federico Diaz, Gitarre, und Winfried Holzenkamp am Kontrabass. Sie alle haben sich dem Tango Nuevo verschrieben, einer Kunstform des Straßentangos, der seit 1955 vor allem mit dem Schaffen des Komponisten Astor Piazollo verbunden ist.

Keine gewohnt tanzbare Musik


Dieser Tango Nuevo ist keine im gewohnten Sinn tanzbare Musik, sondern ein konzertantes Stück, das Elemente klassischer und moderner europäischer Musik adaptiert. Was aber nie, trotz herber Dissonanzen und unerwarteter Melodiebrüche, verloren geht, ist das tiefe, zu Herzen gehende Gefühl unendlicher Sehnsucht und Traurigkeit der argentinischen Seele des Tangos.

Mittelpunkt von Fracanapa ist das Bandoneon. Tango in Südamerika, ob als Straßentanz oder als Tango Nuevo, ist ohne dieses Harmonika-Instrument undenkbar. Es wird hier als "die beste deutsche Erfindung aller Zeiten" gepriesen. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde es von einem Heinrich Band erfunden und bis zur Enteignung des Familienunternehmens Alfred Arnold 1948 im Erzgebirge hergestellt. 30000 Instrumente gingen bis dahin nach Argentinien, deren Qualität, so Fachleute, nie wieder erreicht wurde.

Matias González spielte nicht nur auf diesem Bandoneon, er spielte mit ihm. Person und Instrument verschmolzen von einem Moment zum anderen vom Vulkan der Emotionen zu kaum vernehmbarer Melancholie.

Im Duo Fracapana innerhalb des Quintetts steht Susanne Hofmann an seiner Seite. Die Violinistin ist stellvertretende Konzertmeisterin der zweiten Violinen in der Magdeburgischen Philharmonie und schon seit Jahren dem Tango Nuevo verfallen. In der Oberpfalz geboren, organisiert sie das alljährliche Tango-Festival in ihrer bayerischen Heimat. Wohl kaum ein Instrument vermag menschliche Gefühle, Schmerz, Lachen oder Weinen, so intensiv nachzuempfinden, wie die Geige.

Susanne Hofmann nutzte all das mit ungeheurer Virtuosität, tiefem Empfinden und als intensiver Widerpart zu dem mitunter rauen, ja fast ruppigen Bandoneon, bei dem das Klappern der Knöpfe und das Rauschen des Balgs Bestandteil der Kompositionen sind. So wurde der Titel "Escualo" von Piazzola einer der besonderen Höhepunkte innerhalb dieses grandiosen Konzerts.

Gitarre und Klavier von besonderem Reiz


Ein zweites Duo innerhalb des Quintetts sind Pablo Woizinski am Klavier und Federico Diaz an der Gitarre. In Argentinien ist die Gitarre ebenso wie das Bandoneon untrennbar mit dem Tango verbunden, während das Klavier vor allem ein Bestandteil des konzertanten Tangos Nuevo ist. Das macht den besonderen musikalischen Reiz des Zusammenspiels aus. Beide sind Argentinier, Diaz wurde in Mendoza geboren, Woizinski in Buenos Aires. Beide haben den Tango schon in den Kinderjahren auf den Straßen und Plätzen ihrer Heimat aufgesogen.

Komplettiert wird das New Tango Quintet durch Winfried Holzenkamp am Kontrabass. In Deutschland geboren, spielte er schon im Alter von 17 Jahren voller Begeisterung den Kontrabass, ging dann nach Argentinien, wo er sehr schnell dem Tango-Virus erlag. Heute zählt er zu den renommierten Kontrabassisten und ist gefragter Musiker bei allen großen Tango-Festivals.

"Tango meets Gotik" war einer der Glanzpunkte der diesjährigen Domfestspiele, dem für einen Teil der Zuhörer dann noch der Aufstieg auf den nördlichen Domturm folgte. Und als die letzten wärmenden Sonnenstrahlen hinter der Stadt untergingen, war die innige Freundschaft zwischen kühler Gotik und dem Tango Nuevo endgültig besiegelt.