Magdeburg l Tatsache: Das hier ist wirklich etwas anderes als ein Kettcar-Konzert. Dafür sprechen schon die Location und das Aufgebot, mit dem Marcus Wiebusch nach Magdeburg gekommen ist: Während er sich 2012 mit "der alten Band", wie er sie an diesem Dienstagabend nur nennt, zu fünft im AMO breitmachte, kuschelt er sich jetzt mit sechs Kollegen in den Moritzhof. Heute gibt es also Indie-Rock mit Trompete und Querflöte.

An der Stimme des Hamburgers hat sich seit dem Konzert vor zwei Jahren zum Glück nichts verändert: Der markante, herrlich sonore Klang ist ab der ersten Silbe des Eröffnungssongs "Off" voll da. Womöglich wirkt er in dieser ehemaligen Scheune sogar noch durchdringender als damals im riesigen Konzertsaal.

Im Refrain kommt dann die ganze Instrumentenschar zum Einsatz - mit viel Energie, dafür ohne Schnickschnack. Auch die Scheinwerfer müssen keine große Show herbeizaubern. Sie halten sich fürs Erste in dezentem Weiß zurück, im zweiten Refrain lassen sie sich dann mal zu einer kleinen Flacker-Runde hinreißen.

Film über Marc Zuckerberg als Song-Inspiration

Als das Lied verklungen ist, sagt der Sänger kurz hallo - und macht eine Ankündigung: "Ich habe eben beschlossen, dass ich heute zu den Songs etwas sage." Das kommt sonst ziemlich selten vor. Ist aber in diesem Fall eine gute Idee. Immerhin will er an diesem Abend bis auf drei Songs aus Zeiten besagter alter Band nur Neues spielen, "Konfetti" ist ja auch sein erstes Soloalbum. So erfahren rund 200 Zuschauer, dass Wiebusch die Idee zu "Nur einmal rächen" durch den Film "The Social Network" gekommen ist. "Marc Zuckerberg ist ein Rächer. Früher wurde er in die Mülltonne gesteckt, später hat er einfach mal Facebook gegründet."

Und dann macht der Hamburger etwas, das er bisher nicht nur selten, sondern noch nie getan hat: Er singt ohne Gitarre. Premiere hat der schultergurt-lose Wiebusch bei "Jede Zeit hat ihre Pest" -ein Lied gegen "Oberflächen-Punks", klärt er auf.

Premiere im Tanzen ohne Gitarre

Bei den allerersten Takten erinnert es schon ein wenig an den von Kettcar besungenen Tanzbären Balu - so wie dieser riesige Mann beginnt, über die Bühne zu wippen. Aber dann nimmt er den linken Arm dazu, und seine Bewegungen werden immer kraftvoller. Doch, so kann er das öfter machen!

Das tut er dann auch, zum Beispiel bei "Der Tag wird kommen", ein Song gegen Homophobie. Noch etwas, das weggeht von Kettcar. Erstens, weil das Lied mit dem Sprechgesang sehr nach Hip Hop klingt. Zweitens, weil es stattliche sieben Minuten lang ist. Drittens, weil der Text statt mit gewohntem Metapher-Regen mit glasklaren Ansagen daherkommt: "All ihr homophoben Vollidioten, all ihr dummen Hater, all ihr Forums-Vollschreiber, all ihr Schreibtischtäter."

Das Publikum belohnt den Mut zur Direktheit lautstark. Mit dem ist das übrigens so eine Sache. Es ist ja nicht so, dass den Magdebuergern nicht gefällt, was Wiebusch da macht. Sonst würden sie nicht nach jedem Song ausgiebig jubeln und pfeifen. Aber körperlich kommen sie irgendwie nicht aus sich heraus. Die meisten sind verhaltene Wipper, manche vorsichtige Tänzer, nur einer springt auch mal. Vielleicht lässt die Masse den Solo-Marcus bei jener ersten Begegnung einfach auf sich wirken.