Berlin (dpa) l Michail Chodorkowski, der frühere Ölmilliardär, teilte das Schicksal Hunderttausender Russen: Er verbüßte zehn Jahre Haft in Gefängnissen und entlegenen russischen Straflagern in Sibirien und Karelien. Großen Schriftstellern wie Alexander Solschenizyn und Warlam Schalamow verdankt die literarische Welt Berichte über die sowjetische Lagerhölle.

Doch auch im 21. Jahrhundert haben diese Zonen der Willkür und Gewalt nichts von ihrer Grausamkeit verloren. Eine Beschreibung des aktuellen Zustands aus erster Hand ist das Verdienst des einst zu den reichsten Männern der Welt gehörenden Chodorkowski, aber auch der Frauen der kremlkritischen Punkband Pussy Riot.

Der im vergangenen Dezember von Präsident Wladimir Putin begnadigte Chodorkowski, der in zwei höchst umstrittenen Prozessen wegen Steuerhinterziehung verurteilt worden war, hat ein Buch über das russische Lagersystem geschrieben.

Das Besondere daran ist, dass der 50-Jährige nicht einfach werbewirksam seine eigenen "Lager-Memoiren" verfasst hat. Vielmehr porträtiert er in dem am Mittwoch erschienenen Buch "Meine Mitgefangenen" Häftlinge, deren Schicksale sonst wohl niemals öffentlich bekannt geworden wären.

Chodorkowski ist kein Schriftsteller. Das merkt man den 20 Kurzporträts an. Und doch gehen seine schnörkellosen Skizzen, die das Lagersystem in seiner Korrumpiertheit, Rechtlosigkeit und fast schon kafkaesken Unberechenbarkeit präzise erfassen, unter die Haut.

Da ist ein verurteilter Drogendealer, der sich lieber den Bauch aufschlitzt als den von ihm gar nicht begangenen Diebstahl der Handtasche einer alten Frau mit 2000 Rubeln zuzugeben.

Oder: Wolodja, der das kriminell angehäufte Geld vom Konto eines Miliz-Oberen abgeräumt hatte, wird kurz vor seiner Entlassung des Mordes an einem Mithäftling beschuldigt, obwohl Ärzte und Aufseher wussten, dass er dem Opfer niemals begegnet war. Wolodja gibt die Tat nicht zu und bekommt weitere Lagerjahre aufgebrummt.

Es gibt Ermittler, die Häftlinge mit ihren Fäusten oder mit Pralinen zum Reden bringen sollen. Chodorkowski trifft auf junge Ermittlungsbeamte, die gerade ihr Jura-Studium abgeschlossen haben und im Lageralltag lernen, das Recht zu verbiegen. Dann sind da die Spitzel, mit denen man sich besser nicht anlegt, sonst finden sich verbotene Spielkarten oder Geldscheine bei der nächsten Zellendurchsuchung unter den eigenen Sachen.

"Du bist kein Mensch, und die um dich herum sind keine Menschen", das wird den Gefangenen eingetrichtert. Das perfide Gefängnissystem aus Erpressung, Willkür, Denunziation und Erniedrigung erscheint Chodorkowski wie ein "ins Groteske gesteigertes Modell" des normalen russischen Lebens.