Stendal l Doch was heißt hier würdig? In Süddeutschland würde man sagen: "Es ist eine Mordsgaudi!" Rund 80 Darsteller, Sänger und Musikanten spielen, singen, tanzen und musizieren mit Leib und Seele.

"Ritter Roland" ist nach einer Stendaler Anekdote und Motiven aus dem Rolandlied, einem mittelalterlichen Epos, entstanden. Das Szenario wurde von Cordula Jung, Aud Merkel und Robert Grzywotz entwickelt, die Musik stammt von Jakob Brenner und die Dialoge und Liedtexte schrieb Aud Merkel.

Die Mitwirkenden setzen sich zusammen aus Mitgliedern verschiedener Laienspielgruppen und Vereinen, dem SDLbrassissimo, Jakob Brenner Band, dem Theaterchor und Ensemblemitgliedern des Theaters der Altmark.

Sie alle entführen die Zuschauer in diesem zweistündigen Spektakel zunächst ins 16. Jahrhundert, dann ins Jahr 778.

Publikum muss von Stendal nach Saragossa wandern

Räumlich geht es dabei von der Altmark nach Spanien. Wie bei solch Theaterereignissen oft üblich, ist das Mitwirken des Publikums auch hier erforderlich. Nichts Großes wird von den zahlenden Besuchern erwartet: Sie müssen lediglich vom Stendaler Marktplatz über Köln, Paris und die Pyrenäen (also vom Theatervorplatz die Straße runter, um die Ecke und auf den Theaterhof) nach Saragossa wandern. Im Tross von Ritter Roland und seiner Kunigunde.

Roland muss nämlich mit seinem Onkel, Karl dem Großen, der gerade mit dem Sarazenenkönig Marsilies um die Herrschaft in Saragossa streitet, reden. Er braucht die Erlaubnis, Kunigunde zu heiraten. Denn die ist eigentlich seit langer Zeit dem Ritter Genelon (besonders stark: Thomas Weber) versprochen. Und zwar vom König höchstpersönlich. Mit dem Eintreffen in Saragossa nimmt das Schauspiel seinen Lauf ohne Mitwirken der Zuschauer. Diese können bequem von einer kleinen Tribüne aus dem bunten Treiben folgen.

Natürlich gestaltet sich alles komplizierter als von Roland und Kunigunde erhofft. Genelon lässt sich weder die "Gundi" noch den Einfluss auf den König so schnell wegnehmen, und auch Marsilies leistet den Franken Widerstand.

Die Folge sind Entführung in einen Harem und ein wilder Kampf zwischen Franken und Sarazenen. Letzteres als herrliche Kissenschlacht in Zeitlupentempo, wohlgeordnetem Stockkampf und Slapstick-Gerangel dargestellt.

Im gesamten Stück immer wieder Musik: Sanftes oder Rockiges von den Darstellern als Soli oder im Duett, Volksweisen, Trinklieder und Hymnen vom Theaterchor gesungen.

Ensemblemitglieder Andreas Müller als edler Ritter Roland, Michael Magel, sehr witzig als Eulenspiegel, und Thomas Weber als machtbesessener und doch auch zartbesaiteter Genelon sind nicht nur überzeugend in ihren Rollen, sondern auch äußerst gesangsstark. Laiendarstellerin Tammy Girke in der Rolle der Kunigunde kann durchaus mithalten und sich wahrlich hören lassen.

Sicherlich eine der Überraschungen, die diese Inszenierung bietet. Ebenso wie Janko Claus und Stefan Kolata, beide von den "Junggebliebenen Altmärkern" als Marsilies und Oliver, Theaterpädagoge Robert Grzywotz als Eunuch mit entsprechend hoher Gesangslage und Schauspielerin Claudia Tost als Bauchtänzerin. König Karl ist mit Schauspieler Hannes Liebmann super besetzt.

Unterhaltung für die gesamte Familie

"Ritter Roland" unter der Regie von Cordula Jung bietet Unterhaltung für die gesamte Familie. Hier wird eine kleine Geschichte ganz groß, prächtig und farbenfroh erzählt. Diese Mammut-Inszenierung glänzt mit fulminanter Ausstattung (Bühne: Mark Späth, Kostüme: Sofia Mazzoni).

Eine schöne Idee war es, den Theaterhof per Wandbemalung zur Saragossa-Kulisse werden zu lassen.

Dieses Spektakel sollte man nicht verpassen. Zwei Vorstellungen gibt es noch: am Sonnabend, 28. Juni, und am Sonntag, 29. Juni, jeweils um 19 Uhr.

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