Hamburg (dpa) l Ein Birkenwald im Schnee, zwei schwarzgekleidete Adjutanten laden die Pistolen: Die Erinnerung an das Duell mit seinem Freund Lensky lastet auf Eugen Onegin. Das Mädchen Tatjana spielt in einem bodenlangen weißen Nachthemd mit ihrem Riesen-Teddy, wirft ihn in die Luft und rollt sich mit ihm über den Boden. Wenig später vertieft sie sich in einen Roman, dessen Figuren kurz darauf lebendig werden. Drei literarische Liebespaare tanzen mit ihr und beflügeln ihre Fantasie. Bis der Vampir Ruthven im schwarzen Umhang erscheint und ihr Angst und Schrecken einflößt. Er wird von Edvin Revazov getanzt, der auch die Rolle des Eugen Onegin tanzt und somit einen Ausblick auf das Ende der Geschichte gibt.

Mit einer umjubelten Uraufführung von "Tatjana" nach dem Roman "Eugen Onegin" von Alexander Puschkin sind am Sonntagabend die 40. Hamburger Ballett-Tage eröffnet worden. In seinem zweieinhalbstündigen Ballett schildert Hamburgs Ballettchef John Neumeier in choreografischen Episoden, abwechselnd zwischen Traum, Erinnerung, Vorahnung und Wirklichkeit, die unglückliche Liebe zwischen dem jungen Mädchen Tatjana und dem Lebemann Eugen Onegin. Besonders die Rolle Tatjana habe es ihm angetan. Sie verliebt sich Hals über Kopf in Onegin, wird aber von ihm abgewiesen. Als Onegin seinen Fehler Jahre später bereut, bleibt Tatjana bei ihrem Ehemann, obwohl sie Onegin immer noch liebt. "Tatjana zeigt eine Stärke, die Onegin nie erreichen wird", sagt der Ballettchef über sein neuestes Werk. John Neumeiers großes Vorbild John Cranko (1927-1973) hat 1965 mit "Eugen Onegin" bereits ein Ballett nach demselben Roman mit Musik von Peter Tschaikowsky gestaltet. "Ich habe großen Respekt vor diesem Werk", sagte Neumeier. Aber er habe das Gefühl gehabt, "dass die Zeit reif ist für eine neue Fassung." Doch sei ihm klar gewesen, dass er nicht mit einer bereits existierenden Musik arbeiten konnte. Er habe sofort an die Komponistin Lera Auerbach gedacht, mit der er zuletzt 2007 bei der "Kleinen Meerjungfrau" zusammengearbeitet hat. Sie schuf für das Ballett eine einfühlsame und ergreifende Musik.

Die Hamburger Ballett-Tage sind jedes Jahr der Höhepunkt der Spielzeit. Bis zum 13. Juli tanzt das Hamburg-Ballett dreizehn verschiedene Ballette, darunter "Liliom", "Othello" sowie John Crankos Ballett "Onegin" von 1965, das ebenfalls auf dem Versroman von Alexander Puschkin basiert.

Bilder