Komparsen gesucht
Seit vergangener Woche laufen die Dreharbeiten für den dritten Magdeburger "Polizeiruf".
Neben einer Motorradfahrerin werden weitere Komparsen gesucht. Am morgigen Sonnabend können sich Interessenten bei einem Casting im Opernhaus vorstellen.
Weitere Informationen unter www.komparsen-zirkel.de

Magdeburg l Ein junger Mann wird tot in einer Straßenbahn gefunden. Er ist geschlagen und getreten worden, sein Kopf liegt in einer Blutlache. Der ahnungslose Straßenbahnfahrer fährt mit der Leiche bis ins Depot, es gibt keine Videoüberwachung. Wenig Anhaltspunkte für die burschikose Hauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und ihren korrekten Kollegen Jochen Drexler (Sylvester Groth) im neuen "Polizeiruf 110" aus Magdeburg. Doch dann bringen Zeugen den Sozialarbeiter Peter Ruhler (Peter Jordan) ins Spiel. Auch er war in der Straßenbahn. Sein Schicksal zieht sich wie ein roter Faden durch die Folge "Abwärts", die am Sonntag in der ARD (20.15 Uhr) ausgestrahlt wird.

Ruhler, ein spießiger, traumatisierter Ex-Soldat, war vor zehn Jahren im Kosovo und hat bei einem Lkw-Unfall einen Achtjährigen getötet. Er quittierte seinen Dienst und beruhigt seitdem sein Gewissen als Streetworker. Sein Helfersyndrom ist groß, seine Aggressionsschwelle niedrig. In der Straßenbahn sieht Ruhler, wie der 21-jährige Danilo Rink den sechs Jahre jüngeren Lukas Schenker quält und ihm den Laptop wegnimmt. Er glaubt, schlichten zu können, weil er den aggressiven Rink mal betreut hat. Doch aus dem vermeintlichen Helfer wird schnell ein Verdächtiger, denn Ruhler taucht noch vor seiner ersten Vernehmung mit Lukas unter. Warum?

Ein Netz aus gescheiterten und schrägen Existenzen

Brasch und Drexler fehlen zunächst Ermittlungsansätze. In welchem Verhältnis stehen Peter Ruhler und Lukas Schenk zueinander? Decken sie sich? Oder gab es Dritte? Vor allem Drexler fällt es schwer, in Ruhler einen Mordverdächtigen zu sehen. Man kennt und duzt sich. "Sind sie in der Sache wirklich neutral?" Brasch zweifelt. Die Antwort ihres Kollegen, der stets ein ordentlich sitzendes Hemd mit Krawatte trägt, ist pragmatisch: "Ich interpretiere die Fakten. Wäre schön, wenn sie auch dazu übergehen würden."

Regisseur und Drehbuchautor Nils Willbrandt, auf dessen Konto weitere "Polizeiruf"-Folgen ("Falscher Vater", "Zwei Brüder") und mehrere "Tatort"-Folgen ("Leben gegen Leben", "Borowski und das leere Zimmer") gehen, hat um den Toten in der Bahn ein Netz aus gescheiterten und schrägen Existenzen gestrickt. Nicht nur Ruhlers Vorleben ist Teil der Geschichte, auch die zerrüttete Familie des 15-Jährigen spielt eine entscheidende Rolle.

Da ist Lukas´ kriminelle Schwester, deren ebenfalls krimineller Freund und ein missglückter Deal um ein Computerprogramm, mit dem man die Wegfahrsperren von Autos außer Kraft setzen und den Weg für Diebe freimachen kann. Viele Handlungsstränge, an deren Zusammenfügen sich Brasch, Drexler und ihr übermotivierter Kollege Mautz (Steve Windolf) die Zähne ausbeißen. Schnell gerät die eigentliche Aufklärung des Mordes in der Tram zur Nebensache. Ermittler und Zuschauer sind schwer damit beschäftigt, die einzelnen Personen und ihre Beziehungen im Kontext zu ordnen.

Figuren der Kommissare werden klarer gezeichnet

Doch der zweite "Polizeiruf 110" aus Magdeburg ist auch dazu da, die Figuren der Hauptkommissare klarer zu zeichnen. Und das gelingt. Der Zuschauer lernt Drexlers Tochter Maria kennen und sieht, wie Brasch weiter um die Liebe ihres rechtsradikalen, inhaftierten Sohns Andi aus der Debütfolge "Der verlorene Sohn" kämpft. Und es gibt Schmunzler. Als Drexler stoisch versucht, sein Auto zu starten, fragt eine schnippische Brasch auf dem Beifahrersitz: "Was machen sie eigentlich, wenn sie jemanden verfolgen müssen?" Er antwortet: "Dann verfolge ich ihn."

"Abwärts" ist ein Winterkrimi mitten im Sommer, bei dem viel Kunstschnee zum Einsatz kommt. Mit ihm möchte der MDR an den Erfolg des Erstlingswerks anknüpfen, das im Oktober des Vorjahres 8,59 Millionen Menschen gesehen hatten.

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