Dessau-Roßlau l 4. Juli 1798, Dux. So steht es auf dem übergroßen Grabstein. Dem Grabstein Casanovas. Der Held ist tot. Ein neues Musical geboren. Am 4. Juli 2014 hat "Casanova" am Anhaltischen Theater Dessau seine Uraufführung. Es ist ein Auftragswerk des Theaters, das an diesem Abend - wohl vor allem des Fußballs wegen - nicht ausverkauft ist.

Was Stephan Kanyar (Musik) und der Dessauer Andreas Hillger (Buch und Gesangstexte) geschaffen haben, bringt Regisseur Christian von Götz effektvoll auf die Dessauer Bühne. Viel Musical-Erfahrung kommt hier und bei den Protagonisten zusammen. Und was kommt heraus?

"Casanova" will historisch Belegtes und Fiktives um den (übrigens am 4. Juni 1798 verstorbenen) Lebemann vereinen, eine überraschende Seite an ihm zeigen. Zunächst nimmt Hillger für seine Geschichte eine Anleihe bei "Don Giovanni". Hier wie dort muss der Diener, der hier wie dort Leporello heißt, vor dem Haus wachen, während sein Herr, hier eben Casanova, seinen Liebesabenteuern frönt. Hier wie dort geht es dieses Mal nicht reibungslos aus - im Duell stirbt der Vater einer seiner Geliebten.

Dennoch: Es ist Karneval in Venedig und alle Frauen wollen zu Casanova. Der aber wird von der Inquisition aufgespürt und bekommt, als er sich mit dem Degen wehren muss, überraschende Hilfe. Der junge Kämpfer ist Henriette - sie wird der Abenteurer wirklich lieben. Auch sie liebt ihn und verlässt ihn doch. "Schenk mir eine Stunde dein Leben", singt Casanova. "Ich darf dich nicht lieben", singt Henriette, (nicht nur) die Frau eines anderen. "Was kostet die Welt" - Casanovas Rückkehr in Wollust und Verwerflichkeit ist eine aus Verzweiflung.

Ein bunt-turbulentes Treiben mit über 150 Kostümen

Bunt turbulentes Treiben in über 150 opulenten Kostümen bietet diese Inszenierung (Ausstattung Ulrich Schulz). Nacktes Fleisch - wahrhaftiges oder kostümgebildetes - durchzieht sie. Fechtszenen sorgen für Aktion. 50 Darsteller agieren auf der Bühne, einschließlich Opernchor und Ballett.

Stephan Kanyar hat eine wirkungsvolle Musik geschrieben, die die jeweilige Stimmung trifft, mitreißend interpretiert von Daniel Carlberg und der Anhaltischen Philharmonie Dessau. Das bleibt, trotz streckenweise sehr seichter Songtexte, im Ohr. Das Anhaltische Theater bietet zudem die Chance zum Nachhören mit einer "CD zum Musical".

Das Stück gewinnt im zweiten Teil des Uraufführungsabends an Tiefe und Emotionalität, die Darsteller an Ausstrahlung.

Casanova und Leporello (André Eckert) sitzen nun doch im legendären Gefängnis. "Unter den Dächern aus Blei", wie der "Gefangenenchor" singt. Einmal noch kommt und hilft Henriette, hilft zur Flucht.

Hier ist es eine wirkliche neben vielen scheinbar ständigen Fluchten in Casanovas Leben. In Dessau stehen dafür Leitern, die es immer wieder hinauf und hinab geht.

Verwandlung auf offener Bühne. Alt ist der einstige Lebemann, verarmt und Bibliothekar auf Schloss Dux. Das "Casanova", das früher Huldigung war, ist nun Gespött.

Ein letztes Mal versucht er den Flirt mit einer jungen Besucherin. Sie aber ist seine Tochter (Karen Helbing). Ein Brief Henriettes der Beweis. Henriette lebt nicht mehr. Casanova will nicht mehr leben. Im Tod erscheint ihm noch einmal der einst im Duell Getötete. Ein Höllenbote. Was bleibt, ist der Grabstein.

Mit Patrick Stanke in der Titelpartie und Roberta Valentini als Henriette hat das Anhaltische Theater zwei Stars der deutschen Musicalszene verpflichtet, die nicht zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne stehen. Sie tun es darstellerisch gekonnt, gesanglich überzeugend, wenn auch in manchen Passagen übergroße Lautstärke nicht zwingend notwendig ist für tiefere Gefühle.

Das Publikum feiert die beiden wie das ganze Ensemble vom ersten Beifall an.

"Casanova" am Anhaltischen Theater Dessau ist sicher nicht die angekündigte Sensation. Ein schönes Musical, dem viele Zuschauer zu wünschen sind, ist es auf jeden Fall. Nicht weniger, nicht mehr.

Mit der nächsten Aufführung in Dessau-Roßlau müssen sich Musicalfreunde noch etwas gedulden. Sie folgt nach der Sommerpause in der kommenden Spielzeit.

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