Der Dirigent Kurt Masur hat kürzlich aus gesundheitlichen Gründen ein Konzert in Paris abgesagt. An diesem Freitag feiert er seinen 87. Geburtstag. Im dpa-Interview spricht Masur über seinen Gesundheitszustand und über die Ereignisse vor dem Mauerfall im Oktober 1989.

Frage: Sie haben einmal gesagt: "Ohne Musik kann ich nicht leben!" Trifft der Satz noch heute zu?
Kurt Masur:
Und ob! Es war nicht Ehrgeiz, der mich getrieben hat. Sondern ich glaube, dass mein Leben so programmiert ist.

Viele Musikfreunde verehren Sie und machen sich aber Sorgen, wenn Sie von Ihrer Krankheit gezeichnet auftreten.
Es ist keine Frage des Geldes! Auch in der Familie diskutieren wir und sind nicht immer einer Meinung. Wenn meine Frau Tomoko, mit der ich vier Jahrzehnte zusammenlebe, die auf ihre Sänger-Karriere verzichtet hat und die mir eine unentbehrliche Helferin ist, vom Auftritt abrät, setze ich mich dennoch durch.

Und wie sehen es Ihre fünf Kinder?
Meine Kinder schütteln manchmal mit den Köpfen, haben aber auch Verständnis. Mein jüngster Sohn, Ken-David, der jetzt zwei Jahre in München war und ab der neuen Saison in Boston arbeitet, ist Dirigent und weiß, was man für Kraft benötigt.

Manche Konzertbesucher sagen, ich habe Jahrzehnte lang einen vitalen Dirigenten erlebt, nun sitzt er im Rollstuhl. Muss er sich das Dirigieren noch antun?
Soll ich mich Parkinson beugen?

Es war zu lesen, Sie trainieren im häuslichen Fitnessraum, um Ihre Muskeln zu stabilisieren?
Wir haben in Leipzig und New York, wo wir jeweils die Hälfte des Jahres leben, einen Raum eingerichtet, um mit Hilfe meiner Frau morgens und abends zu trainieren.

Was wünschen Sie sich für die kommenden Wochen?
Ich hoffe, dass ich mich gesundheitlich weiter stabilisiere und meine geplanten Meisterkurse bei den Studenten wahrnehmen kann. Besonders freue ich mich auf die Mendelssohn-Akademie, bei der erfahrene Dirigenten aus aller Welt sich den Werken des einstigen Gewandhauskapellmeisters und Gründers des Leipziger Konservatoriums nähern.

Inzwischen sind Sie ein Weltbürger. Wie beurteilen Sie heute die Ereignisse vom Oktober 1989?
Wenn man heute die Ereignisse von damals betrachtet, war es ein einmaliger und nicht wiederholbarer Vorgang. Und welch ein Glück: Deutschland ist wieder vereint!

Es gibt Leute, die sagen: Es war gar keine Revolution. Was meinen Sie?
Wenn sie es gern blutiger gehabt hätten, ist das ihre Sache. Für mich ist es eines der erstaunlichsten Ereignisse, das man sich unter den damaligen Verhältnissen vorstellen kann. Die Sowjetunion war Führungsmacht und dennoch haben sich die Menschen in der kleinen DDR friedlich gegen die Bevormundung gewehrt.

Der Bundespräsident will zu den Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag der Revolution nach Leipzig kommen. Viele Bürger wünschten sich vor 25 Jahren Sie als Präsidenten der DDR. Was denkt man da?
Man fühlt sich geehrt. Aber ich bin Musiker und war plötzlich Politiker wider Willen. Ich kann ein Orchester dirigieren, und das ist schon nicht immer leicht.

Vor 1990 haben Sie mit dem traditionsreichen Gewandhausorchester die Welt bereist. Ab den 90er Jahren waren Sie Chef von anderen weltberühmten Klangkörpern in New York, London und Paris. Was fühlt man da?
Wenn Sie mich bei meinem Antritt als Gewandhauskapellmeister gefragt hätten, was ich mir wünsche, hätte ich geantwortet, die völkerverbindende Kraft der Musik in die Welt zu tragen. Nun hat mich die Musik in diese Weltstädte getragen. Und das war wundervoll!