Magdeburg l Lebenszeit wird nur dadurch wertvoll, weil sie endlich ist. Und je mehr die Endlichkeit in das Blickfeld des Betroffenen gerät, desto wertvoller werden die Monate und Jahre.

Der Tod beendet das Dasein, weshalb der Menschheitstraum vom ewigen Leben spätestens seit Sisyphus in der griechischen Mythologie verankert ist. Gut 1300 Jahre später greift Hugo von Hoffmannsthal in seinem Mysterienspiel "Jedermann" das Thema wieder auf, in dem der Tod zu Gunsten zusätzlicher Lebenszeit überlistet wird.

Die "Compagnie Magdeburg 09", allen voran Impresario Bernd Kurt Goetz und Regisseurin Gisela Begrich, haben sich in ihren Sommertheater-Aufführungen dem "Jedermann"-Thema in der zurückliegenden Zeit mehrfach in sehr unterschiedlicher Auslegung genähert. Waren sie dabei dem Original jeweils recht nahe, so gehen sie bei "Leben.Endlos. Ein Traum" doch einen deutlichen Schritt weiter, ohne jedoch die gedankliche Klammer vom Menschheitstraum des ewigen Lebens durch Austricksen des Todes zu verlassen.

Das ist gewagt, denn nur allzu leicht geht die Balance zwischen dem tief berührenden philosophischen Ansatz des drohenden Daseinsendes und der durchaus humorvollen Gewitztheit, sich zusätzliche Lebenszeit zu erschleichen, verloren. Doch Sommertheater will unterhalten, will in dem zauberhaften Ambiente des Möllenvogteigartens an lauen Abenden die Zuschauer zum Lachen bringen. Da darf man dann wohl an der einen oder anderen Stelle etwas überziehen, beinahe kabarettistisch mit lokalen und weltpolitischen Aktualisierungen spielen und Seitenhiebe an die örtliche Kulturszene austeilen.

Der Familie Mustermann, gespielt von Marie Matthäus und dem überragenden Thomas Streipert, geht es gut. Das Haus ist gerade abbezahlt und man genießt zusammen mit den Nachbarn (Juliane Köster und Ekkehard Schwarz) alle Vorteile eines schönen Lebens. Einziges Ärgernis: Der mühsam gezüchtete Bananenbaum im Garten wird regelmäßig von einer Kinderschar geplündert. Dafür wurden eigens 13 männliche und weibliche Rangen engagiert, die diesen Part offensichtlich mit großer Freude ausfüllten.

Der liebe Gott, ebenfalls Ekkehard Schwarz, wandelt über die Erde, um Seelen zu fangen. Er gerät an Franz Mustermann, dem er als Gegenleistung für den Eintritt in die Kirche drei Wünsche gewährt. Dadurch wird der Tod in Gestalt von Bernd Kurt Goetz schließlich auf den Bananenbaum verbannt, von dem er durch mystische Kräfte nicht mehr herunterklettern kann. Die Folge: Niemand stirbt mehr, das Leben als Endlosschleife entwertet sich selbst, der Traum der Unsterblichkeit wird zum Albtraum. Da dringt dann sogar Marie Matthäus als Chefin einer Rentenversicherung bis in das Allerheiligste vor. Denn, wenn nicht mehr gestorben wird, hat eine Rentenversicherung keine Chance. Das Sterben ist ihr Überleben.

Die Geschichte endet gut, der Tod wird erlöst, kann wieder seiner Arbeit nachgehen, aber hat von dieser Gesellschaft vorerst einmal die Nase voll. Damit hat das Leben zumindest zeitweise doch irgendwie die Oberhand behalten.

In "Leben.Endlos. Ein Traum" wird viel gesungen. Christoph Deckbar ist dabei der Mann am Klavier, der ebenso arrangiert und komponiert. Die Lieder und Tänze (Choreografie Mareike Greb) sind die eigentlichen Sahnehäubchen dieser Inszenierung, weil sie mit großer Ernsthaftigkeit, Musikalität und hervorragenden Interpretationen immer wieder zu den wichtigen Fragen von Leben und Tod zurückführen. Der Totentanz ist so ein Stück, das an Symbolkraft nichts offen lässt, ebenso der programmatische Abgesang mit "Ewigkeit ist dröge".

Die "Compagnie Magdeburg 09" hat mit dieser neuen Inszenierung eines uralten, aber immer aktuellen Themas ein Kleinod unter den Sommertheatern in der Landeshauptstadt in den Möllenvogteigarten gestellt. Vorstellungen finden immer Dienstag bis Sonntag noch bis zum 3. August statt. Und da die Compagnie offenbar zu allen Abteilungen der himmlischen Heerscharen beste Kontakte hat, dürfte das auch mit dem Wetter klappen. Die Schauspieler um Bernd Kurt Goetz und Gisela Begrich bauen fest darauf.