Feuer, Luft und der Himmel - die flüchtige Kunst von Otto Piene kannte keine Grenzen. Nun ist der Mitbegründer der Avantgardegruppe Zero gestorben.

Düsseldorf (dpa) l Otto Piene fackelte Leinwände ab und ließ Blumen aus Feuer entstehen. Sein Pinsel waren Flammen. Er choreografierte "Lichtballette" und schoss Helium-gefüllte Skulpturen in den Himmel. Am Donnerstag starb der weltweit bekannte Mitbegründer der Nachkriegskunstbewegung Zero im Alter von 86 Jahren in Berlin. Dort hatte er erst einen Tag zuvor eine große Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie mit seinen Werken eröffnet.

Und Piene hatte eigentlich auch noch viel vor. Er wollte am heutigen Sonnabend seine berühmten Himmelsskulpturen vom Dach der Nationalgalerie aufsteigen lassen. Mitten in den Vorbereitungen starb Piene. Trotz des plötzlichen Todes des Künstlers wird Sky Event wie geplant gezeigt. Die Entscheidung sei zusammen mit der Leitung der Neuen Nationalgalerie und der Familie getroffen worden, sagte der Leiter der Düsseldorfer Zero Foundation, Mattijs Visser, am Freitag.

Flüchtige Kunst für den Augenblick

In den großen Museen weltweit hängen heute Pienes Feuerblumen, doch eigentlich passt seine Kunst nicht in geschlossene Räume. Denn sie ist flüchtig, für den Augenblick gemacht. Sein Vorbild, so sagte er einmal, sei der Himmel - "der verändert sich auch ständig". Kunst außerhalb der Museen war Piene immer wichtiger als die Enge von Galerien.

Piene war nicht nur ein Künstler, der mit dem Feuer spielte, sondern auch ein Philosoph. Geboren wurde er am 28. April 1928 in Bad Laasphe, und er wuchs in der ostwestfälischen Kleinstadt Lübbecke auf. Piene wurde geprägt durch die Dunkelheit des Zweiten Weltkriegs, den er als jugendlicher Flakhelfer erlebte. "Daraus wurde dieser enorme Impuls, etwas daraus zu machen", sagte er.

Zusammen mit Heinz Mack gründete Piene 1957 die Künstlergruppe Zero. Die Gruppe forderte nach dem Krieg einen radikalen künstlerischen Neuanfang. Statt mit Farbe und Pinsel experimentierten die Zero-Künstler mit neuen Materialien und mit den elementaren Kräften der Natur: Licht, Bewegung, Wind, Feuer, Luft, Energie.

Bis 1964 arbeitete Piene als Dozent an der Modeschule Düsseldorf, dann zog es ihn nach Amerika. "Der amerikanische Traum war wie Magie", sagte er in einem Interview. An der Hochschule für technologische Forschung und Lehre, dem Massachusetts Institute of Technology (M.I.T.) in Boston, übernahm Piene 1974 das Center for Advanced Visual Studies (CAVS). 20 Jahre leitete er das Medienlabor für künstlerisch-optische Experimente. Seine Verbindung von Kunst, Natur, Wissenschaft und Technik ist bis heute richtungsweisend.

Feuergouachen und Feuerblumen

"Piene hat immer versucht, Grenzen aufzulösen - sowohl in der Kunst als auch geografisch", sagte Visser. Piene war beteiligt an der Entwicklung neuer Kunstformen wie Medienkunst und Performances.

Piene malte nicht das Licht, er ließ es malen. So entstanden "Lichträume", "Lichtgeister" und "Lichtballette" aus sich bewegenden Raumprojektionen. Bunte Feuergouachen und Feuerblumen entstanden, wenn er mit brennbarer Farbe auf die Leinwand malte und sie anzündete.

Piene konnte Massen mit seiner "Sky Art" begeistern. Berühmt ist der riesige Plastikregenbogen, den er bei den Olympischen Spielen in München 1972 in den Himmel steigen ließ. "Inflatables", aufblasbare Skulpturen, nannte er seine Luftprojekte - stachelige weiße Sterne oder Blumen. Es dauerte oft Stunden, um die Helium-gefüllten Objekte in die Luft zu schießen, die nach kurzer Zeit schon wieder in sich zusammenfielen.

Der mehrfache Documenta-Teilnehmer Piene war sozusagen der Energieproduzent unter den Künstlern. "Es geht mir um die Übertragung von Energie", sagte er einmal. In einer Zeit, in der alles kaputt war, habe er etwas schaffen wollen, "was als Ausdruck der Seele oder der geistigen Verständigung unter Menschen taugt". Bis zu seinem Tod lebte der mit renommierten Kunstpreisen geehrte Piene mit seiner Frau Elizabeth Goldring-Piene auf einer Farm in Groton bei Boston. Oft war Piene aber auch zu Gast in Deutschland, vor allem in Düsseldorf.

Noch kurz vor seinem Tod hatte Piene gesagt, er genieße es besonders, seine Kunst wieder in Berlin zu zeigen. Hier habe er vor Jahrzehnten eine seiner ersten Einzelausstellungen gehabt. "Es schließt sich ein Kreis."

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