Magdeburg l Die Spezies der taktlosen Trommler ist für Mario Swigulski die pflegeleichteste. Man schiebe ihre Ausreißer per Mausklick an die richtige Stelle und tausche die unbrauchbaren Schläge gegen bessere aus dem Computer aus. Die schwachen Stimmen bedürfen da schon einer intensiveren Beschäftigung. Hier schiebt er jeden schiefen Ton auf die richtige Höhe und verleiht dann dem Ganzen Kraft, indem er mehrere Aufnahmen eines gleichen Liedabschnitts übereinanderlegt.

Seit zehn Jahren verhilft der Produzent mittlerweile Musikern aus Magdeburg und Umgebung zu ohrenschmeichelnden Aufnahmen. Seine Ausbildung? Im Wesentlichen Abgucken. Ende der 90er Jahre war Swigulski - gelernter Industriemechaniker - ständig in großen Tonstudios zu Gast, damals als Musiker. Er spielte Gitarre in der Rockband Scycs, die es mit "Next November" in die Charts schaffte.

Bei ihm im Studio standen auch schon The Boss Hoss

"Wir haben unsere Musik mit namhaften Produzenten aufgenommen", erinnert er sich. "Ich fand die Arbeit am Pult faszinierend, deshalb habe ich den Profis oft zugeschaut." Als ihre Plattenfirma einige Jahre später die Kosten fürs dritte Album nicht übernehmen wollte, beschloss die Band, in ein eigenes Tonstudio zu investieren. "Ich hatte mich vorher schon am Rechner zu Hause ausprobiert - das funktionierte ganz gut", erzählt der Magdeburger.

Als die Jungs ihr Tonstudio eröffnet hatten, sprach sich das schnell herum. "Wir hatten ständig Bands bei uns", erinnert sich der 38-Jährige. Auch einige namhafte Musiker durfte er produzieren - so wie The Boss Hoss, Mia und Fettes Brot. Die schickte damals der Radiosender Rockland nach Besuchen vorbei, um einen Song für dessen Programm aufzunehmen. Sogar Tokio Hotel waren mal zu Gast. "Kurz, bevor sie bekannt wurden, haben sie hier Medienvertretern ihr erstes Album vorgestellt."

Seit damals hat sich so einiges verändert. Zum Beispiel die Technik: Das riesige Mischpult mit zig Knöpfen und Reglern fristet jetzt im Kabuff sein Rentnerdasein. Im Tonstudio steht stattdessen eine blutjunge Miniatur-Version, in der die Signale aus den einzelnen Instrumenten- und Mikrofonkabeln zusammenlaufen und dann an den Computer weitergegeben werden. Der Rest wird am Rechner geregelt.

Dort bearbeitet Swigulski nicht nur nach. Auch während der Aufnahme im Nebenraum muss er immer wieder nachregeln, wie laut jedes einzelne Instrument und Mikrofon in den Rechner gehen soll.

Vermittler zwischen Streithähnen

Verändert, sagt Swigulski, hat sich auch der Wert, den eine Aufnahme im Tonstudio für junge Musiker hat. "Wir haben früher alles stehen und liegen lassen, wenn wir ins Tonstudio gehen durften. Heute ist es schwierig, überhaupt einen Termin mit den Bands zu finden. Da geht auch mal der Geburtstag der Oma vor."

Überhaupt kommen heute viel weniger Musiker ins Tonstudio, berichtet er. Ein Grund sieht der Produzent in kostenlosen Computerprogrammen: "Mit denen kann man heute ganz einfach Aufnahmen aus dem Proberaum nachbearbeiten." Außerdem sei es für kleine Bands schwierig, aufgenommene CDs an den Mann zu bringen. "Die Leute geben kaum noch Geld für Musik aus", sagt er.

Und so kommt es, dass Swigulski neben seinem Job als Musik- zusätzlich als Radioproduzent arbeitet. Auch die Firma Heartdisco konzentriert sich auf weit mehr als nur auf ihr Tonstudio: Sie ist auch Eventagentur und Plattenlabel. Beim Nachwuchswettbewerb SWM Talentverstärker zum Beispiel nimmt sie nicht nur Musik mit den Siegern auf, sie organisiert das Ganze gleich mit.

Es gibt aber auch Dinge, die haben sich seit 2004 nicht verändert. Zum Beispiel, dass Swigulski bis heute vielen Liedern, mit denen Bands zu ihm kommen, den letzten Schliff verpasst. Oder dass er zwischen Schlagzeuger und Gitarrist vermittelt, wenn die sich in den Haaren haben darüber, wie sie denn nun klingen wollen. Für solche Dinge gibt es eben kein kostenloses Computerprogramm.

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