Buchtipp: Ursula Karusseit: "Wege übers Land und durch die Zeiten. Gespräche mit Hans-Dieter Schütt", Verlag Das Neue Berlin 2009

Berlin (dpa) l Ursula Karusseit ist nicht Schauspielerin geworden, um "in Mäuselöchern" zu verschwinden. "Ein paar Scheinwerfer dürfen mich schon umgeben, und groß darf die Bühne auch sein", erzählte sie einmal. Abseits ihres Berufs empfinde sie sich als uneitlen Menschen. Zu DDR-Zeiten spielte sie im TV-Fünfteiler "Wege übers Land", jahrelang trat sie an der Berliner Volksbühne auf. Heute kennen Fernsehzuschauer sie vor allem aus der ARD-Klinikserie "In aller Freundschaft". Am heutigen Sonnabend wird "die Karusseit", die mit ihrem zweiten Mann in Senzig bei Berlin lebt, 75 Jahre alt.

Seit einem halben Jahrhundert steht sie auf der Bühne, auch im Fernsehen machte sie schnell Karriere. In der Sachsenklinik spielt sie seit der ersten Folge 1998 die schlagfertige Cafeteria-Chefin Charlotte Gauß, die oft braune Uniform trägt und die dunklen Haare mit einem leichten Rotstich. Die markanten Frauenrollen passen zu Karusseit. "Mir lag nie so sehr, wenn ich das jetzt arg und fahrlässig verallgemeinern darf, das Blauäugige", sagte sie in dem Interviewband "Wege übers Land und durch die Zeiten", "ich liebte eher das Schräge, das Kantige, auch das etwas Raue, Ruppige oder Burschikose."

Karusseit hat Mut zur Hässlichkeit. Und sie probierte auch Männerrollen aus. Privat wühlt sie gerne bei der Gartenarbeit in der Erde. Das sei ihr Sportprogramm. "Ich tauge nicht für Nordic Walking im Rentnerverein oder fürs gemeinsame Atmen im Chor", erzählte sie. Zu ihrem Geburtstag plant sie keine große Party. "Aber ich freue mich auf eine kleine Feier mit meinen Liebsten", teilte Karusseit mit, die vor dem großen Tag wenig Zeit für Interviews hatte.

Zur Bühne findet sie über einen Umweg. Geboren am 2. August 1939 im westpreußischen Elbing im heutigen Polen, wird sie nach der Vertreibung ihrer Familie in Mecklenburg eingeschult - ohne Zuckertüte. Im thüringischen Gera macht sie ihren Abschluss und eine kaufmännische Ausbildung an einer Berufsschule. Ihre Eltern halten nicht viel vom Theater. Sie arbeitet als Stenotypistin und Sachbearbeiterin. Erst dann kommt die Bühne.Karusseit geht nach Ost-Berlin an die Staatliche Schauspielschule. Die anderen Schüler findet sie immer besser als sich selbst. 1968 bekommt sie die Fernsehrolle der Gertrud Habersaat in der DDR-Produktion "Wege übers Land".

"Vielleicht wissen die vom Fernsehen gar nicht, wen sie da im Krankenhaus haben."
- Jaecki Schwarz, Schauspieler

Mit ihrem Team reist sie auch nach Moskau. "Wir haben gesagt, in diesen vier Tagen müssen wir drei Dinge gemeinsam schaffen: Metro fahren, Piroggen essen und Taxi fahren", erzählt sie in dem Buch. Zum Pflichtprogramm gehört auch Lenins Mausoleum.Später arbeitet sie an mehreren Bühnen und führt auch selbst Regie. Seit dem Mauerfall ist sie viel im Fernsehen präsent. Bei der Bundestagswahl 2009 ruft sie öffentlich zur Wahl der Linken auf.

Für ihren Kollegen Jaecki Schwarz zählt Ursula Karusseit zu den größten Schauspielerinnen der letzten 50 Jahre. "Ich frage mich, warum das so wenige wissen", sagte er, als er ihr 2009 den Medienpreis "Goldene Henne" für ihr Lebenswerk verlieh. Vielleicht liege es daran, dass sie nicht schwierig genug sei, keine Skandale mache, zu sehr Mensch sei, zu normal. "Manchmal denke ich, dass auch die vom Fernsehen gar nicht wissen, wen sie da unten haben in der Kantine des Krankenhauses in Leipzig."

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