Wernigerode l Es ist angerichtet. Die neu dekorierte Tafel im Festsaal prangt erstmals im Pomp von originalem Geschirr, Tafelsilber, Tischwäsche und Kristallgläsern aus dem Besitz Kaiser Wilhelm II. Glas aus der Schaffgottschen Hütte im schlesischen Schreiberhau, Neuosier-Porzellan mit Blumendekor aus der Königlichen Porzellanmanufaktur in Berlin - die Augen gehen einem über!

So geht es mit jedem der Exponate. Schlossherr Christian Juranek und Ulrich Feldhahn, Historiker an der Burg Hohenzollern, arbeiteten über ein Jahr an Konzeption und Einrichtung in der Dauerausstellung und im renovierten Frühlingsbau.

Schloss Wernigerode ist prädestiniert für diese Schau. Ein Zentrum des höchsten Adels. Fürst Otto zu Stolberg-Wernigerode (1837-1896) war von 1876 bis 1878 Botschafter des jungen deutschen Kaiserreichs in Wien, dem Zentrum eines glanzvollen Weltreichs. Er wirkte als Stellvertreter Bismarcks und war von 1884 bis 1894 als Oberst-Kämmerer der wichtigste Mann in der Hierarchie. Wernigerode galt - auch durch zahlreiche Besuche des Reise-Kaisers - zeitweilig als eines der politischen Machtzentren des Reiches.

In die Ausstellung sind die Aufenthalte, die Personage, die politischen und künstlerischen Einflüsse des Kaiserhofs implantiert. Pomp und Pracht allerorten, vornehmlich im Berliner Stadtschloss der Hohenzollern. 1906 predigte der Kaiser höchstselbst in der Schlosskirche Wernigerode angelegentlich der Amtseinführung der Drübecker Äbtissin Baronin Anna Freiin von Welck und überreichte ihr den Äbtissinnenstab.

Porträts, Fotografien, Urkunden, Bücher und Sachzeugen des Lebens am Hofe bereichern auf wundervolle Weise die Rundgänge, zur Verfügung gestellt von SKH Georg Friedrich Prinz von Preußen, vom Evangelischen Zentrum Kloster Drübeck, von den Staatlichen Schlössern und Gärten Hessen in Bad Homburg und von anderen wichtigen Leihgebern. Die Schau wurde gefördert von der Ostdeutschen Sparkassenstiftung, der Harzsparkasse und dem Kultusministerium Sachsen-Anhalt.

Wilhelm II. legte in der Öffentlichkeit auf äußerste Prunkentfaltung gesteigerten Wert. Im Privatleben war er eher spartanisch, selbstdiszipliniert, hart gegen sich selbst, wie sein Sattelstuhl und sein Schreibpult im Porzellanzimmer beweisen.

Im Roten Salon wird des aus Ilsenburg stammenden Bildhauers Walter Schott gedacht, exemplarisch für die Künstler bei Hofe: Hier eine Porträtbüste Wilhelm II. mit Marschallstab, Orden und Adlerhelm und die Skulpturen der Berliner Sieges-allee; auf der anderen Seite "Die Kugelspielerin" aus Biskuit-Porzellan und die Bronze-Statuette der Tänzerin Isidora Duncan. Sichtbar, wie sich repräsentativer Historismus zum eleganten Jugendstil wandelte und nebeneinander existierte.

Im mit einem neuen Beleuchtungskonzept versehenen Frühlingsbau dann die Pretiosen-Ehrengeschenke des Kaisers. Thematisiert wird die deutsche Kolonialpolitik im Streben um "einen Platz an der Sonne", die Niederschlagung des Boxeraufstandes in China 1901 anhand der originalen Militär-Kiste des Musketiers Karl Schröder, die Aufrüstung der Flotte, dokumentiert in glanzvollen Schlachtschiff-Modellen. Ganz Deutschland wurde von der Mode der Matrosenanzüge erfasst.

Zu erleben sind aber auch die Widerstände gegen die imperiale Machtpolitik und die Gegenspieler: Der durch den Publizisten Maximilian Harden ausgelöste Liebenberg-Skandalprozess. Der Reisekoffer August Bebels wird ausgestellt - einem der erbittertsten Gegner der "Schimmernden Wehr" und der Flottenrüstung, die zum Zerwürfnis mit England führte, viele sozialkritische Bilder von Max Liebermann, Heinrich Zille und Hans Baluschek, Dutzende "Simplizissimus"-Karikaturen von Thomas Theodor Heine, Eduard Thny und Olaf Gulbransson. Hier wird ein grandios weit gespanntes Panorama um die Zentralfigur Wilhelm II. und seiner Zeit vor dem Ersten Weltkrieg sichtbar. Hinter jedem Exponat eine neue Geschichte, die es zu erkunden gilt.

Fazit: 1914 kam es mit Kriegsausbruch zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Deutschland stolperte in den Krieg. 17 Millionen Tote, der Zerfall von Weltreichen, die deutsche Novemberrevolution mit der erzwungenen Abdankung des Kaisers waren die Folge. Das glanzlose, bittere Ende von "Pomp And Circumstance" ...

Ausstellung bis 2. November, geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr. Zur Ausstellung erschien der Band "Pomp And Circumstance" von Christian Juranek und Ulrich Feldhahn in der Reihe Edition Schloss Wernigerode als Band 17, Verlag Janosz Stekovics, ISBN 978-3-89923-328-5

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