Wörlitz l Wie gut, dass es Synonyme gibt. So kann Sebastian Doil in seinen Führungen auch vor Kindern erzählen, wieso in Sichtweite des gotischen Hauses ein Beet in Form eines Penis blüht. Pardon, eines Phallussymbols. In jenem Haus hat sich nämlich Fürst Franz von Anhalt-Dessau, der Schlingel, trotz Ehefrau stets mit der Tochter des Chefgärtners - sagen wir: intensiv beschäftigt. Darauf war er wohl so stolz, dass er seiner Manneskraft ein Denkmal setzte, welches er vom Fenster seines Refugiums aus bewundern konnte. Bei solchen Anekdoten blüht Sebastian Doil auf. Züchtige Geschichtchen - zum Beispiel die, wie seine Leute immer die Agaven ins Winterlager wuchten - erzählt er aber nicht mit weniger Begeisterung. Hauptsache, es geht um seine Parkanlagen.

Seit fünf Jahren ist Doil einer von zwei Gärtner-Chefs im Gartenreich Dessau-Wörlitz. Die Führungen machen nur einen Bruchteil seiner Arbeit aus. In erster Linie ist er auf dem 142 Quadratkilometer großen Gebiet verantwortlich für alles, was grünt und blüht.

34 Gärtner arbeiten in den Anlagen des Unesco-Welterbes, knapp die Hälfte untersteht Doil. Jeden Tag verbringt er Stunden damit, ihre Arbeit zu kontrollieren. Das liegt nicht etwa daran, dass sie zu faul wären. Nein, es geht um Präzision. "Ein Gartendenkmalpfleger arbeitet ganz anders als ein Stadtgärtner", erklärt der 30-Jährige. Für das gesamte Gartenreich gibt es eine Vorgabe, wo welche Pflanzen in welcher Form wachsen sollen. Jenes Regelwerk füllt einen halben Aktenschrank und beruht auf Recherchen darüber, wie Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau die Anlagen vor 250 Jahren gestaltet hat.

Dieser Urspungszustand soll Stück für Stück wiederhergestellt werden. "Wir schaffen kleine Kunstwerke", erzählt Doil. Baumkronen am Wegesrand werden so beschnitten, dass sie zusammen ein langes Dach bilden. Sträucher und Blumen werden hintereinander angeordnet, damit sie wie Publikumsränge wirken. Bei all dem achtet der Gärtner-Chef auf die richtige Form.

Sebastian Doil hat keine klassische Ausbildung zum Gartendenkmalpfleger - denn die existiert gar nicht. Er machte erst eine Lehre als Zierpflanzengärtner und hing dann einen Abschluss als Techniker für Garten- und Landschaftsbau an, bevor er in seinem Job landete. Ein Umweg, den der geborene Vockeroder von Anfang an geplant hatte. "Ich habe mich schon als Kind für das Gartenreich interessiert", erzählt er. "Seit Beginn meiner Ausbildung wollte ich unbedingt hier arbeiten."

Etwa die Hälfte seiner Arbeitszeit verbringt der Mann mit dem grünen Daumen am Schreibtisch. Dann plant er die Aufgaben für seine Gärtner und beschafft Material vom Dünger bis zur Kettensäge. Manchmal wälzt er auch alte Fachbücher, um herauszufinden, wieso eine Pflanze, die ihm beim täglichen Rundgang aufgefallen ist, verbeulte Blätter hat. Oder er beschafft von anderen historischen Parks Saatgut von Arten, die in Wörlitz ausgestorben sind.

Es kommt aber auch vor, dass Doil und seine Mitarbeiter stinknormale Gärtneraufgaben erledigen. Im Moment passiert das ziemlich oft: "Zu dieser Jahreszeit mähen wir wie die Verrückten", erzählt er. Doch selbst dabei muss man ganz präzise arbeiten - nicht, dass das Phallussymbol etwas abbekommt.

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