Die Sage vom Merseburger Raben

Bischof Thilo von Trotha war im 15./16. Jahrhundert einer der einflussreichsten Kirchenvertreter kurz vor der Reformation. Der Sage nach soll er in Merseburg im Zorn seinen langjährigen Diener Johann des Diebstahls eines Siegelringes bezichtigt haben.

Obwohl der Mann heftig seine Unschuld beteuerte, wurde er hingerichtet. Einige Jahre später fand angeblich ein Arbeiter bei Reparaturarbeiten an einem Turm des Merseburger Schlosses den Ring im Nest eines Raben. Daraufhin soll der Bischof verfügt haben, als Mahnung, kein Urteil im Jähzorn zu fällen, im Schlosshof einen Vogelkäfig zu errichten. Darin sollte ein Rabe ewig in Gefangenschaft sein. Bis heute leben in einer Voliere Raben auf dem Schlosshof von Merseburg.

Merseburg (dpa) l Schöne Frauen und die Kunst sollen es ihm angetan, die Nähe zu den Mächtigen soll er gesucht haben - der Merseburger Bischof Thilo von Trotha. Aus Anlass seines 500. Todestages ist dem Geistlichen erstmals eine große Ausstellung gewidmet, wie die Organisatoren mitteilten. Fast 50 Jahre lang, von 1466 bis 1514, wurde das Bistum Merseburg von Thilo von Trotha geführt, erläuterte Kuratorin Claudia Kunde.

Von diesem Sonntag an können Besucher auf 600 Quadratmetern Ausstellungsfläche in elf Räumen nachempfinden, welche Rolle der Bischof am Vorabend der Reformation innehatte. "Er war ein Reformbischof, der die Reformation sicher nicht gescheut hätte, aber er war auch ein Kind seiner Zeit und lebte im `Mainstream` der Bischöfe", ergänzte Kurator Markus Cottin. "Thilo von Trotha war nicht irgendein regionaler Bischof, sondern er hat europäische Geschichte mitgeschrieben."

Im Dom- und Schlossensemble, das der Bischof von 1480 bis 1510 als seinen Sitz erbauen ließ, dokumentieren das in der Schau etwa 150 Exponate. Wertvolle Handschriften aus dem Bestand der Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstifts Zeitz gehören dazu. Unter dem Motto "Thilo von Trotha - Merseburgs legendärer Kirchenfürst" gibt es prächtige Kunst- und Kirchenschätze, Gewänder, Skulpturen, Gemälde, Handschriften und Drucke zu sehen. Darunter sind 60 Leihgaben aus Museen und Sammlungsbeständen aus Deutschland, Dänemark, Italien, Österreich und Schweden.

Auch prunkvolle Mitren - diese tragen Bischöfe auf dem Kopf - sind zu sehen, mit winzigen Perlen und funkelnden Steinen bestickt, filigranen Goldverzierungen versehen. "Das hier ist ein ganz erlesenes Stück, ein ganz großes Highlight der Schau", sagte Cottin zu einer Krone aus dem Nationalmuseum Kopenhagen (Dänemark), die zwischen 1520 und 1540 vermutlich als Braut- und Heiligenkrone benutzt wurde.

Der Kopfschmuck habe Ähnlichkeit mit der Krone von Christina von Dänemark (1461-1521). Bischof Thilo hatte die Tochter des Kurfürsten Ernst von Sachsen nach Dänemark begleitet. Überhaupt ist zum Thema Frauen, Frömmigkeit und Kirche im Katalog der Schau zu erfahren, dass Thilo mit seinem Interesse an schönen Frauen durchaus dem Lebenswandel des Klerus seiner Zeit entsprochen habe.

"Thilo von Trotha war ein Superstar der damaligen Zeit", ist sich Oberbürgermeister Jens Bühligen (CDU) sicher. Die mit dem Bischof über Jahrhunderte hinweg verbundene Sage vom Merseburger Raben kenne in der Stadt jedes Kind. Mit der Schau folge ein Superstar dem anderen, sagte er mit einem Augenzwinkern. Denn: 2013 war Hollywoodstar George Clooney bei Dreharbeiten für seinen Film "Monuments Men" in Sachsen-Anhalt, darunter auch in Merseburg. Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD) wünscht sich als Schirmherr der Schau, dass sich junge Menschen und Schulklassen neben der Sage auch für die reale Geschichte des Bischofs begeistern.

Die Ausstellung wird bis zum 2. November gezeigt.

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