Magdeburg l "Die Ferne ist ein schöner Ort, doch wenn ich dort bin, ist sie fort...", intonierten einst Tamara Danz und die Gruppe Silly. Zwischen den Zeilen versteckt ihr Protest gegen das Eingesperrt-Sein in der DDR. Die Ferne ist für uns heute so nah, die Grenzmauern werden (auch dank moderner Medien) täglich überschritten. Grenzmauern übertreten haben am vergangenen Freitagabend einmal mehr die Magdeburger, die den Weg in die Pauluskirche nach Stadtfeld fanden. Dort eröffneten die "Grenzgänger" ihr alljährliches Festival zum 18. Mal.

Die sachsen-anhaltische Tradition, bei der die Kirchen als Orte der Begegnung im Mittelpunkt stehen, vereinte Kleinkunst und Hochkultur in diesem Jahr unter dem Motto "Fernweh - Impressionen einer musikalischen Weltreise". Armin Schubring führte als Reiseleiter durch das Programm, verband die musikalischen Beiträge liebevoll und mit ausdrucksvoller Stimme zu einem kunterbunten Reigen.

Die musikalische Reise führte schier um die ganze Welt. Das Rossini-Quartett startete mit einem rasanten Tourbillion (Wirbelsturm) von Georg Philipp Telemann, bevor es gemeinsam mit der Sopranistin Julie Martin du Theil und dem Akkordeonisten Gennadiy Vinogradskiy nach Frankreich aufbrach. So gelang eine wunderbare Interpretation von Edith Piafs Welthit "La vie en rose" mit neuem Make-up eines hellen klaren Soprans. Der strahlte bis nach Italien während der Arie "Caro mi oben" von Guiseppe Giordani. Afrikanische Klänge hörte das Publikum von der Band "Kajura", die pure Lebensfreude transportierte.

Henri Stabel faszinierte nicht nur mit dem Blues aus Amerika. Gekonnt fabulierte und improvisierte er mit seiner charismatischen Stimme, reizte ihren großen Umfang aus, zelebrierte seinen Obertongesang. Dazu spielte der Stimmakrobat zauberhaft Gitarre und führte den Zuhörer nach Irland und in den Orient und mit dem Reggae nach Jamaika. Herrlich soulig kam die Gitarre später daher, unterlegt mit schönem Streichersound - und wieder eine Grenze überschritten. Schön, wie das Publikum sich begeistern ließ und jubelte.

Aus Russland kamen altvertraute Klänge von der Balalaika (Ala Vinogradskiy), aus Wien das "Wiener Blut", in einer sauberen Interpretation des Rossini-Quartetts. Dass Afrikaner Musik im Blut haben, bewiesen die Musiker von "Kajura" über den ganzen Abend hinweg, ob beim Klang der Didgeridoo oder beim "Las Cuevas" aus Südamerika. "Orient meets Afrika", abermals verschwammen Grenzen, wurden aufgebrochen. "Heute hier - morgen dort" brachte die Kirche zum Klingen, welch ein Fest! "Sie können leider nicht sehen, wie sie lächeln", meinte Reiseleiter Schubring, und "heimkehren ist ein ganz spezielles Gefühl..." - mit stehenden Ovationen ist es ein besonderes Glück. Glücklich sahen auch die Besucher aus, die am Ende die Pauluskirche verließen...