Der schwedische Organist Hans-Ola Ericsson
Der Dozent ist Hans-Ola Ericsson, 1958 in Stockholm geboren. Er studierte in Stockholm und Freiburg im Breisgau Orgel und Komposition und war Professor in Bremen. Er ist Mitglied der Königlichen schwedischen Musikakademie und seit 2011 Professor an der Schulich School of Music of McGill University in Montreal.

Seine Gesamteinspielung der Orgelwerke von Olivier Messiaen wurde von der "Zeit" zu den wichtigsten 111 Einspielungen für das dritte Millennium gezählt.

Sein jüngstes, weltweit beachtetes Projekt war die Betreuung des Baues der "Acusticum"-Orgel durch den deutschen Orgelbauer Gerhard Woehl in Pitea. Es ist die größte Orgel Skandinaviens. Sie vereint Elemente historischer Orgelkonzepte mit neuen Klangbereichen mechanischer und elektronischer Steuerung.

Zum dritten Mal wird in Halberstadt der Interpretationswettbewerb für zeitgenössische Musik durchgeführt. Der schwedische Komponist Hans-Ola Ericsson leitet den Meisterkurs für neue Orgelmusik. Für die Volksstimme sprach Ute Schalz-Laurenze mit dem Professor.

Volksstimme: Sie haben sehr schnell für die Leitung des Projektes zugesagt! Welche Art von Spannung hat so ein Wettbewerb für Sie?
Hans-Ola Ericsson:
Na ja, ich freue mich natürlich, wieder in Halberstadt zu sein. Dann die Möglichkeit, mit so vielen Menschen aus anderen Kulturen zusammenzukommen: Man muss vollkommen offen sein, es sind internationale Spitzenleute aus zehn Nationen in diesem Kurs.

Wie wichtig sind denn solche Wettbewerbe für Interpreten? Nicht nur für die Biografie, sondern auch für die musikalische und menschliche Entwicklung? Gibt`s nicht auch Probleme, zum Beispiel Ungerechtigkeit, weil Urteile immer auch subjektiv sind?
Das ist eine komplexe Frage. Wettbewerbe können sehr wichtige Schritte zur Entwicklung sein. Viele finanzieren auch ihr Studium damit. Wenn ich Studenten auf Wettbewerbe vorbereite, sage ich: Beklagt euch nie! Es ist nie gerecht! Ich habe früher viel mehr mit dem Bauch abgestimmt. Heute mache ich es erst einmal objektiv: Stilistik, Artikulation, Raum, Tempo. Erst am Ende kommen reine Geschmacksfragen dazu, und die sind natürlich auch subjektiv.

Die Anmeldungen weisen ein außerordentliches Niveau auf: Viele sind schon in guten Positionen und mehrfach preisgekrönt. Versprechen auch Sie sich Ideen und Anregungen?
Absolut. Sonst würde ich überhaupt nicht unterrichten. Ich muss wachbleiben, informiert sein, jung denken, sonst habe ich hier nichts zu suchen. Fragen verschiedener Kulturkreise greifen netzartig ineinander, nur so lerne ich. Es ist immer ein Geben und Nehmen.

Wie ist das Programm für das Halberstädter Konzert entstanden?
Der Ausgangspunkt waren Orgel und Elektronik. Gerade für den Halberstädter Dom ist das spannend. Die Orgel gibt die Begrenzung vor und dann unterstützt mich der Bremer Tonmeister Gerd Anders, der mich seit Jahren kennt und höchst feinfühlig mit meinen Ideen umgeht. Es gibt natürlich ein Stück von Cage.

Sie haben das Cage-Projekt im Burchardikloster mitinitiiert. Wie erklären Sie sich diese Faszination, die über 10 000 Besucher pro Jahr anlockt? Und was wollen Sie da weiterbringen?
Cages Verhältnis von Zeit, Inhalt und Klängen ist faszinierend - wenn es weitergegeben wird. Cage wird nicht mehr einfach verschwinden, seine Gedanken führen zu einem reicheren Leben. Wir haben für diese Orgel eine Riesenverantwortung, sie muss gebaut werden können! Die Orgel ist ja ein ungeheuer problematisches Instrument insofern, als sie von ihrer Existenz her ein funktionales Instrument ist - sie gehört zum christlichen Gottesdienst und entsprechend ist ihre Literatur. In den letzten fünfzig Jahren - seit György Ligetis "Volumina" von 1961 - gibt es aber regelrecht einen Sprung daraus - ihre klanglichen Möglichkeiten werden sozusagen autonom entdeckt. Volumina durfte ja damals nicht aufgeführt werden. Heute ist das selbstverständlich, da hat sich alles geändert. Vor zwanzig Jahren wurde ich angebrüllt, wenn ich Messiaen spielte. Es gibt diesen Erzkonservatvismus. Aber es gibt auch die gegenteiligen Zentren. Die Polarität zwischen künstlerischem Orgelspiel und Gottesdienst, der populär bleiben soll, wird immer bleiben.


Es gibt Hörer und Fans von Neuer Musik, die eine Kirche nicht betreten würden, weil Vorurteile wegen der Liturgiezugehörigkeit weiter wirken. Erleben Sie in dieser Hinsicht eine Veränderung?
Ich denke ja. Es wird immer weniger ein Problem, oder vielleicht ist das auch nur ein Wunsch von mir. Es kommt darauf an, was zugelassen wird.

Sie sind Christ, trotzdem oder vielleicht gerade deswegen schießt Ihre kompositorische Tätigkeit weit in den Bereich experimenteller Avantgarde vor. Wie empfinden Sie die sicher nicht so leicht aushaltbare Spannung zwischen Ihrer Religion und dem meist konservativen Zustand der Kirchen?
Der schwedische Komponist Sven Erik Bäck hat einmal gesagt: "Wir können es uns nicht leisten, Gott nicht das Beste zu geben!" Das heißt für mich auch, ich muss meine Überzeugung für eine hohe Musikkultur leben.