Hier finden Sie eine Leseprobe zu Stephen King\'s "Mr. Mercedes" (Link klicken).

München (dpa) l Bill Hodges will nicht mehr. Jeden Tag sitzt der pensionierte Cop vor seinem Fernseher und schaut Talkshows. Ab und an spielt er mit seinem Revolver und eher düsteren Gedanken. Er fühlt sich nutzlos im Ruhestand. Bis eines Tages der Brief von "Mr. Mercedes" ins Haus flattert. Das Schreiben katapultiert den Rentner vom Sofa in seinen schlimmsten Fall zurück - und gibt ihm wieder eine Aufgabe.

Stephen King (66) gilt eigentlich als "Meister des Horrors". Weltweit haben sich seine Spuk-Geschichten bisher 400 Millionen Mal in 40 Sprachen verkauft. Noch in seinem letzten Roman "Doctor Sleep" treiben sprechende Tote und fliegende Gegenstände ihr Unwesen. Nun versucht sich King am Krimi-Genre. Sein neuer Roman "Mr. Mercedes" ist kein übernatürliches Horrorspektakel, sondern eine Detektivgeschichte - mit einem Bösewicht aus Fleisch und Blut.

"Mr. Mercedes" hat weder hellseherische Fähigkeiten noch andere diabolische Kräfte - dafür aber eine graue Limousine mit 12 Zylindern. Damit pflügt er im Morgennebel durch eine Menge wartender Arbeitsloser vor einer Jobmesse in einer Stadt im Mittleren Westen der USA. Acht Menschen sterben bei dem Massaker, einige werden verletzt.

Hodges hat den Mercedes-Killer in seiner Dienstzeit nie geschnappt. Deshalb prahlt dieser nun in seinem Brief mit der blutigen Spritztour und provoziert den Ex-Polizisten. Er will den Cop eigentlich zum Selbstmord anstacheln - stattdessen weckt er Hodges aus der Rentner-Lethargie. Der Pensionär jagt den Todesfahrer.

Gar kein klassischer King also. Aber mindestens so spannend: King erzählt abwechselnd aus der Perspektive von Pensionär und Psychopath - und ist dabei so nah an seinen Figuren. Hodges ist der archetypische Polizist, den sein schlimmster Fall nicht loslässt. Besonders Mr. Mercedes alias Brady Hartsfield, gewissenlos und geisteskrank, ist mindestens so schaurig wie untote Kuscheltiere und Alien-Autos.

Brady fährt den Eiswagen in der Nachbarschaft, er ist der nette Junge von nebenan, ganz unauffällig, von der Sorte, von der die Leute danach sagen: "Ich kann gar nicht glauben, dass er sowas getan hat. Er war immer so nett." Aber eigentlich ist Brady schwer gestört, getrieben von Zorn, Einsamkeit und Aggression. Das Muttersöhnchen mit den inzestuösen Zügen hat eine düstere Seele und jede Menge selbst gebastelten Sprengstoff im Keller.

Er ist der moderne Typ Amokläufer, der seinen Namen in allen Zeitungen lesen will, weil ihn sonst keiner kennt. Brady ist ein Ungeheuer aus Fleisch und Blut, und er plant einen weiteren Coup. Die Katz-und-Maus-Jagd beginnt.

"Mr. Mercedes" startet mit einem Knall, nimmt dann richtig Fahrt auf und verdichtet sich zu unerträglicher Spannung. Eigentlich will man den Schmöker nach dem Prolog nicht mehr weglegen. King hat eine Trilogie angekündigt. Alle drei Romane sollen sich um das Mercedes-Massaker drehen. 2015 soll mit "Finders Keepers" der zweite Krimi rund um Bill Hodges in den USA veröffentlicht werden.