Magdeburg l Erstmals hat Cornelia Crombholz ein festes Haus, kann eigene Vorstellungen und Konzepte auf längere Zeit verwirklichen. Das "flächendeckende Agieren" habe nun erst einmal ein Ende, räumt die gebürtige Hallenserin ein. Nicht mehr der Arbeit zu folgen, bedeutet auch ein Stück Sicherheit. Diese neue Erfahrung und Herausforderung in Magdeburg genießt die 47-Jährige sichtlich. Ihren Lebensmittelpunkt verlegte sie ganz selbstverständlich an die Elbe. Man müsse mit den Menschen, für die Theater gemacht wird, leben. Wenn Crombholz die Leute in der Stadt lächeln sieht, merkt, dass sie einen Plan und ein Ziel haben, ist das für die Künstlerin ein Teil des Alltags.

Crombholz zeigt ihre Vielseitigkeit und Einsatz

Cornelia Crombholz studierte von 1986 bis 1989 Schauspiel an der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" und arbeitete als Schauspielerin. Nach der Wende eine Neuorientierung und noch einmal der Wechsel, der Wille Neues zu wagen. Von 1992 bis 1995 dann ein Regiestudium am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Von da an ging sie auf Tour. Wer das Geschäft mit der Kunst kennt, weiß, dass dies normal ist. Feste Verpflichtungen sind eher die Ausnahme als die Regel. Am Deutschen Theaters Berlin inszenierte Crombholz Becketts "Spiel", am Berliner Ensemble Frischs "Biedermann und die Brandstifter", am Bayerischen Staatsschauspiel München den "Clavigo" von Goethe... Die Liste ließe sich fortsetzen. In Magdeburg dann in der Spielzeit 2011/2012 mit Leos Janáeks "Jenfa" die erste Oper. Immer hat sie mit gestandenen Ensembles gearbeitet, konnte selbst nur wenig konzeptionell gestalten, war eben die klassische Gastregisseurin. Die Magdeburger Aufgabe sieht die Powerfrau nun mit Freude. Kontinuität steht am Anfang, das mache einen großen Reiz aus. Am 26. September gibt Crombholz mit "Spur der Steine" ihren Einstand. Der Roman des Schönebeckers Erik Neutsch erlebt seine Uraufführung auf der Bühne. Das sei kein Zufall, sagt die Schauspieldirektorin. Stücke, in denen Arbeit eine Rolle spielt, wären selten geworden. Dafür drehen sich auf der Bühne zunehmend die Handlungen um Perspektivlosigkeit, Banken und Geld, Scheitern und Stillstand prägten die Theaterstücke.

"Spur der Steine" nennt sie dagegen einen Roman, der in einer Aufbruchszeit und noch dazu in der Region angesiedelt ist. Lust auf einen Neuanfang prägte damals die Menschen, sie träumten von einer besseren Gesellschaft. Das Vorbild des großartigen Films blendet sie aus, keine Kopie, sondern, etwas Eigenes soll entstehen. Für die jungen Schauspieler ist der Stoff zumeist sowieso eine Neuentdeckung.

Künftig soll es zu Premieren auch Matineen geben

Crombholz will das Theater als Ort der Sinnlichkeit entwickeln. Die Besucher sollen spüren, dort findet etwas für sie statt, es gibt Utopien. Gute, tolle und pralle Stoffe habe sie ausgewählt, die Bandbreite reiche von Goethes "Iphigenie auf Tauris" - die Klassik dürfe man nicht aus den Augen verlieren - bis zu Nicky Silvers "Fette Männer im Rock" und "Der Nazi und der Friseur" von Edgar Hilsenrath. In der Spielzeit will Crombholz nicht nur Erwachsene "bedienen" sondern Kinder- und Jugendliche anspornen, ins Haus zu kommen. Dort erwarten sie Offerten, mit denen sie ihnen etwas auf den Weg geben wolle. Kultur als Bildungsauftrag schlechthin. "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry gehört ebenso wie "Das Tagebuch der Anne Frank" dazu.

Frischer Wind im Schauspielhaus? In gewisser Weise schon. Da sind die Matineen, die künftig die Premieren begleiten sollen. Ein oder zwei Wochen vor der Premiere bietet das Schauspiel künftig spannende Einführungen zum Stück an. Beim "Zerbrochenen Krug" geht es ins Justizministerium. Bei den Gesprächen und Szenenausschnitten zu "Iphigenie" dürfen sich die Gäste auf eine Stunde in einem österreichischen Lokal freuen. Das Theater verlässt angestammte Räume, will neue Orte erobern, zu den Rezipienten gehen, sie abholen.

Dann ist da die Vision eines Bürgertheaters. Cornelia Crombholz gerät regelrecht ins Schwärmen, wenn sie davon erzählt. Ein großes Experiment sei das, das auch helfe, Theater in die Stadt zu bringen.

Man wolle eine Stimme für die Leute sein, die etwas zu sagen haben, die mitmachen wollen und die natürlich Lust auf Theater mitbringen. Bühnenerfahrungen im Theater hält die Regisseurin dabei für unnötig. Ein erstes Treffen stehe an, danach werde das Projekt in Form gebracht. Was passiert, das sei offen, könne in ein eigenes Stück münden oder etwas völlig Neues hervorbringen, Überraschung und Spannung in einem, ohne Druck und Vorgaben.