Magdeburg l Das war sogleich ein gigantisches Pensum zum Spielzeitauftakt für die Magdeburgische Philharmonie! Hatte sie kurz zuvor Wagners "Lohengrin" am Opernhaus nach der Spielpause in einer äußerst begeisternden musikalischen Qualität präsentiert, wurde sie eine Woche später mit einem gewaltigen ersten Sinfoniekonzert gefordert.

Als monumentales und ergreifendes Werk stand Gustav Mahlers 6. Sinfonie in a-Moll alleinstehend auf dem Programm. Der Beinamen zahlreich: die "Tragische" (betitelte Mahler sie selbst), die "Klassische", die "Autobiographische", die "Eigentliche", die "Prophetische", die "Böse". Kurz: die Sinfonie mit den Hammerschlägen.

Kaum eine Sinfonie ist so aufwühlend wie diese

Es gibt kaum eine Sinfonie in der Musikgeschichte, die für die Zuhörer so aufwühlend ist wie diese. Kaum Mahler`sche Naturidylle oder weltflüchtende himmlische Sphären, sondern Scheitern und harte Lebenswirklichkeit. Präzise plante Mahler einen effektvollen musikalischen Sog, der jeden Zuhörer am Ende erfasst. Mahlers Klangzauber steht hier in einem ganz neuen Kontext.

Diese unwahrscheinliche Ausdruckskraft sezierte förmlich Generalmusikdirektor Kimbo Ishii mit seinen Philharmonikern. Unwahrscheinlich wach reagierten die Musiker auf die Intentionen ihres Dirigenten. Homogen, technisch rein und gestalterisch empfindsam musizierten sie in einer absolut differenzierenden, entschlossenen und fesselnden Art. Der riesige bläserverstärkte Orchesterapparat wirkte trotz der Dramatik sehr beweglich und klar strukturiert. Ishii und seine Musiker brachten schier Mahlers Seelenleben zutage und dem Konzertpublikum nahe. Die Kontraste, die sie herausschälte, dienten immer dem Ganzen - beharrlich und zielstrebig dem archaischen Ende entgegen.

Immer wieder butterte der vehemente Marschrhythmus, mit dem die Sinfonie bereits begann, die lichten Momente des Glücks unter. Die scheinbare Ruhe im Andante, das auch Ishii als 2. Satz vor das Scherzo stellte - genauso wie es Mahler tat, wenn er selbst dirigierte - brachte kurze Verträumtheit und Melancholie. Doch das Scherzo stampfte weiter - wenn auch skurriler. Welch imposante Wendigkeit und Lust hatten die Musiker hier bei der Gestaltung der Klangeffekte!

Ein gewaltiges halbstündiges Finale

Dies war ein dramaturgisch sinnvoller Übergang zum gewaltigen halbstündigen Finalsatz mit der ganzen musikalischen Bandbreite Mahlers und - den schicksalhaften Hammerschlägen. Der abergläubische Mahler selbst reduzierte sie nach der Uraufführung 1906 von ursprünglich von ihm vorgesehenen drei auf zwei markerschütternde Hammerschläge. Bis heute experimentiert man, wie ein solcher nicht metallischer Hammerschlag wohl klingen sollte.

Passend waren ein übergroßer Hammer und eine Holzkiste, liebevoll mit "Theater Magdeburg" beschriftet. Jegliches musikalische Aufkeimen von Hoffnung und Erlösung wurde damit zunichte gemacht. Die Zerrissenheit musizierten die Philharmoniker in einer beeindruckend energetisch geladenen Empathie. Eine geschlossene Großartigkeit der Magdeburgischen Philharmonie und eine überwältigende Leistung. Nicht im Mahler`schen freudig-apotheotischen Taumel endete diese seine 6. Sinfonie, sondern verklang nach einem letzten aufschreckenden Tutti-Akkord ausgezehrt in Moll. Kimbo Ishii hielt diese beklemmende Spannung lange nach. Was konnte dem noch folgen - minutenlanger begeisterter Applaus.