Halberstadt l Woher rührte zur Premiere am Freitag in Halberstadt dieser Beifallssturm? Vor allem aus dem Dreiklang von Musik, Darstellung und Szene. Aus den aufregend großen Bildern. Aus genauer Kenntnis der Oper von Carl Maria von Weber und ihrer Entstehungsgeschichte durch alle Interpreten - das Orchester, die Sänger, den Chor, das Schauspielensemble, die Grafiker des Videoteams, Maske, Kostüm und Licht eingeschlossen. Da stimmte einfach alles!

Angelpunkte in der alten Kriegsgeschichte

Poewe fand einen der möglichen Angelpunkte in der alten Spuk- und Kriegsgeschichte um Max und Kaspar und ihr Freikugelschießen heraus. Er nutzte die Sprach-Gestaltungskraft des gesamten Schauspielensembles und ließ Traumsequenzen sprechen. Verstörend, filigran, still - eine ausgefeilte Studioproduktion. Denn was man vor dem Hochzeitstage träumt, wird in Erfüllung gehen. Eine Zutat zum Verständnis der Oper.

Daraus resultiert die fast kammerspielartige Inszenierung. Die Bühne ist leer und weiß ausgehangen. In Mannshöhe verläuft ein Steg über die Szene. Der Hintergrund für Videoprojektion, für Traumdeutungen, für die innere Verfasstheit der Protagonisten, speziell für den Jägerburschen Max (Tobias Amadeus Schöner). Ein Gehetzter, der das Jagdglück zwingen will und es doch immer wieder verliert. Und seine arglos-unschuldige Braut Agathe mit einer geflochtenen blonden Zopfkrone (Annabelle Pichler).

Die Bühne verzichtet auf überflüssige Zutaten

Wiebke Horn ist immer dann am besten, wenn sie Minimalistisches schafft. Die Bühne als Kunstraum unter Verzicht auf jede überflüssige Zutat. Mit Christian Poewe hatte sie für ihre Sicht einen idealen Partner. Da trafen sich zwei Fantasten, die das Geschehen auf denkbar einfachste Weise erzählen wollten. Mit der Sprache der Körper. Mit Schatten und Licht (Holger Hofmann). Mit Webers so volkstonhaft-eingängiger Musik. Sie blüht auf vom ersten Streicherklang; Hörner und Celli schaffen den romantischen Geist des Werkes.

Die pastelligen Kostüme in Schwarz, Weiß, Grau, Blau und Braun. Rot ist nur Ännchen (Nina Schubert) vorbehalten. Eine junge Verwandte Agathes, eine Marketenderin der Liebe.

Der geheimnisvolle Jägerbursche Kaspar (Juha Koskela). Der Krieg hat ihn roh und verschlagen gemacht. Ein Teufel in Menschengestalt. Kettenhemd, Brustharnisch, Rüstung - er diente "als Milchbart unter Tilly, war mit beim ,Magdeburger Tanz`." Der allerschlimmsten Mordtat und Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg.

Die Szenerie ist gespenstisch

Die Wolfsschlucht. Kaspar fleht den wilden Jäger Samiel an, ihm noch eine Überlebens-Chance zu geben. Er würde ihm ein neues Opfer zuführen: Max. Die Szenerie ist gespenstisch. Sie wird gebildet aus reglosen Leibern. Aus Nebel und fahlem Licht. Totentanz mit geschändeten Frauen. Die Freikugeln sind eine Hinterlassenschaft des Krieges. Wie große Bomben-Blindgänger. Unberechenbar, tödlich gefährlich. Nur Max sieht nicht die Gefahr. Seine siebente Kugel wird von Höllenkräften gelenkt - wen wird sie treffen?

Dieser "Freischütz" ist überreich an Einfällen. Ohne vordergründige Aktualisierung wie in der Inszenierung von 2008. "Wir winden dir den Jungfernkranz mit veilchenblauer Seide" singt der Frauenchor. Es sind alte, gebrechliche Weiber. Es gibt kein Veilchenblau. Es ist ein Totenkranz für Agathe. Sie träumte, sie sei eine Taube, auf die Max zielte.

Die Männer treffen sich zum Jägerchor. Sie haben ihre Jagdhunde dabei. Kratzend, an den Geschirren zerrend, bissig. Aber es sind schlanke, hochgewachsene, halbnackte junge Männer. Latent gefährlich ...

Eine musikalisch vortreffliche und szenisch hochinteressante Arbeit! Eine ganz herausragende Ensemble-Leistung am Nordharzer Städtebundtheater! Die Inszenierung sei allen Opernfreunden wärmstens empfohlen.