Magdeburg l Wenn die Lüge das Wahre im Menschen versteckt, dann muss die Wahrheit so fürchterlich sein, dass sie niemand ertragen könnte. Das klingt gar nicht nach Komödie, weshalb vermutlich nur ein Franzose wie Florian Zeller mit seinem Charme eine daraus machen kann. "Die Wahrheit oder Von den Vorteilen, sie zu verschweigen, und den Nachteilen, sie zu sagen" ist der Titel eines Stücks von Florian Zeller, das am Sonnabend im Magdeburger Schauspielhaus vom Publikum begeistert beklatscht wurde.

Die Geschichte fängt ganz einfach an. Ein klassischer Seitensprung des verheirateten Michel, grandios von Ralph Martin gespielt, mit Alice, der Frau des besten Freundes, hier Franziska Reincke als neues Mitglied des Schauspielensembles mit erfolgreichem Einstand.

Doch das gelegentliche, eilige Tête-à-Tête reicht Alice nicht auf Dauer. Sie will Michel für ein ganzes Wochenende, was für beide, wie sollte es anders sein, in einem Desaster endet. Was folgt, sind jede Menge Irrungen und Wirrungen, und das überschaubare Geschehen entwickelt sich zu einem Gespinst aus Lügen, Vermutungen und gefährlichen Fallen der Wahrheit. Diese wiederum ist die Katastrophe, die nur durch eine neue, große Lüge zu heilen ist.

Außerordentlich wirkungsvolle Rache

Sebastian Reck spielt den betrogenen Ehemann Paul betont zurückhaltend, unaufgeregt und übt mit seiner vermeintlichen Wahrheitsliebe außerordentlich wirkungsvoll Rache. Michaela Winterstein ist in der Rolle der Laurence die betrogene Frau von Michel und schwört überzeugend, nie etwas mit dem besten Freund ihres Mannes "gehabt" zu haben. Wirklich? Der Zuschauer wird immer wieder auf unerwartete Wendungen gestoßen, manches bleibt ein unausgesprochenes Geheimnis. Michel ist schließlich der betrogene Betrüger, gleichzeitig Täter und Opfer. Es ist eine Glanzrolle für Ralph Martin, wie er beharrlich mit viel Kreativität versucht, das Netz zu entwirren, in das er sich selbst immer tiefer verstrickt. Irgendwann kann er einem leid tun, vor allem, wenn man vergisst, dass zu einem Seitensprung immer zwei gehören. Doch er trägt den Scherbenhaufen tapfer allein, und er schafft es trotzdem als echter Macho, die Situation mit der wohl meistverbreiteten Floskel "... aber Schatz, natürlich liebe ich dich!" zu retten.

Sich selbst erkennen, ohne beteiligt zu sein

Wenn es wahr ist, dass der Mensch am Tag durchschnittlich 200 Mal lügt, dann gewinnt das eigentlich banale und unendlich oft aufgegriffene Thema des Stücks seinen Humor daraus, dass man sich selbst erkennt, ohne glücklicherweise beteiligt zu sein. Und worüber kann man wohl herzhafter lachen, als aus Schadenfreude, wenn jemand mühsam versucht, sich aus seinem Lügengespinst herauszuwinden?

Es ist eine große Leistung von Claudia Brier als Regisseurin, eine unterhaltsame, humorvolle Komödie auf die Bühne gebracht zu haben, ohne tragische Momente auszublenden. Sie hat den französischen Charme des mit Mitte 30 gerade mal seit drei Jahren verheirateten Florian Zeller, der eigentlich noch nicht über Erfahrungen mit Ehelügen verfügen sollte, genau mit den Ansätzen versorgt, die der Unterhaltung Nachdenklichkeit vermitteln. Christiane Hercher (Bühne/Kostüme) hat mit ihrer Ausstattung da noch einen i-Punkt daraufgesetzt.

Entstanden ist so ein überaus unterhaltsamer Abend, der dennoch hier und da einen nachdenklich-prüfenden Blick auf den Partner-Nebensitz einschloss. Wirklich wahr!